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Integration – das Ende einer Illusion

Die Affäre um Özil zeigt schlaglichtartig, wie sich Deutschtürken und Mehrheitsgesellschaft voneinander entfremden

Bei der Staatsaffäre Gündogan/Özil gibt es nur einen Gewinner, den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Alle anderen Akteure haben teils leichte, teils schwere Blessuren davon- getragen. Aber wie jede Krise bietet auch diese eine Chance: endlich eine ehrliche Integrationsdebatte ohne Realitätsverweigerung zu führen.

In der Diskussion über die Erdogan-Werbefotos der beiden Fußballer wurden zwei Phänomene übersehen: dass „Doppelidentitäten“ wie bei den beiden Spielern zum Alltag der multikulturellen Gesellschaft gehören. Und: Durch einen gegenseitigen Entfremdungsprozess hat sich die Kluft zwischen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und der türkeistämmigen Minderheit seit fast zehn Jahren kontinuierlich vergrößert. Seit 2012 beobachtet das Essener Zentrum für Türkeistudien einen „Trend zur wachsenden Türkeiorientierung“ in der türkischen Community.

Wenn Gündogan Erdogan als „meinen verehrten Präsidenten“ anspricht und Özil von „zwei Herzen in meiner Brust“, einem „deutschen und einem türkischen“ spricht, dann ist das typisch für die Mehrheit der Migranten. Sie leben hier mit „Doppelidentitäten“ oder „gespaltenen Identitäten“. Rund 90 Prozent aller Migranten wollen ihre kulturelle Identität in der Diaspora bewahren. „Meine Mutter hat mir beigebracht, … nie zu vergessen, woher ich komme“, erklärt Özil seine Sympathien für Erdogan. Das ist eine legitime Einstellung. Sie kann sich aber leicht zum Integrationshindernis auswachsen.

Nach einer neuen Umfrage fühlen sich 61 Prozent der Deutschtürken „sehr stark“ der Türkei „zugehörig“, nur 38 Prozent sagen das über Deutschland. Was bedeuten diese gespaltenen Identitäten für Gelingen oder Misslingen der kulturellen Integration? Verlangt man dafür, wie Bundesinnenminister See­hofer, eine positive Identifikation mit unserer Werte- und Rechtsordnung, würde nur eine Minderheit der Deutschtürken diesen Loyalitätsanforderungen genügen. Deshalb scheint es in einer multikulturellen Gesellschaft realitätsnäher, die Latte niedriger zu hängen und schon dann von einer gelungenen kulturellen Integration zu sprechen, wenn Migranten unsere Rechts- und Werteordnung akzeptieren.

Auf dem Integrationsbarometer nimmt die Bundesrepublik in Europa einen Spitzenplatz ein. Diese Erfolgsbilanz fällt bei den Türkeistämmigen gemischter aus. In meinem Buch „Die Macht der Moschee“ bin ich aufgrund von Statistiken und empirischen Untersuchungen zu dem Ergebnis gelangt, dass die Deutschtürken unter den Mi­grantengruppen am schlechtesten kulturell integriert sind. Auch beim Schulerfolg und auf dem Arbeitsmarkt tragen sie meist die rote Laterne. Ihr Verharren auf den unteren Sprossen der Aufstiegsleiter führen viele Deutschtürken auf die mangelnde Anerkennung und Diskriminierung zurück. Eine Opferhaltung, die auch Özil infiziert hat. Er sei „offenbar kein vollwertig akzeptiertes Mitglied dieser Gesellschaft“, klagte er.

Unbestreitbar ist, dass es hier in der Schule, bei der Suche nach Ausbildungs- und Arbeitsplätzen sowie auf dem Wohnungsmarkt Diskriminierungen gibt. Bedeutsamer für eine ehrliche Integrationsbilanz ist jedoch, dass sich Herkunftsdeutsche und Deutschtürken in den letzten Jahren voneinander entfremdet haben. Hauptverantwortlich dafür ist die gezielte Desintegrationspolitik Erdogans seit 2010. Er hat das Anerkennungsvakuum unter Deutschtürken, das durch Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ und die NSU-Morde aufgerissen war, geschickt gefüllt. Er hat die gekränkte Seele der Türkeistämmigen umschmeichelt und ihnen ihren Stolz zurückgeben. Mit der Feststellung, dass Assimilation ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ ist, mit der Aufforderung, zuerst Türkisch zu lernen, und der Gründung eines Amts für Auslandstürken, das sich in erster Linie um Landsleute in Deutschland kümmert, hat er die Community wie eine türkische Provinz behandelt und von Deutschland entfernt.

Eine Umfrage unter 69 Lehrern an 21 Schulen mit hohen Migrantenanteilen hat ergeben, dass nur noch ein knappes Drittel der Pädagogen die Fahne der Integration hochhalten will. Alle anderen haben sich inzwischen bescheidenere Ziele gesetzt: ein friedliches Miteinander oder Nebeneinander. Beim Thema Integration sollte das Theater der Illusionen endlich geschlossen werden.