Meinung
Kolumne

Die Zeit der Uwe Seelers ist im Fußball vorbei

Abendblatt-Redakteur Henrik Jacobs

Abendblatt-Redakteur Henrik Jacobs

Foto: Roland Magunia / HA

Die Debatte um den möglichen Wechsel von HSV-Stürmer Fiete Arp zeigt: Vereinsliebe zählt heute kaum noch.

Das Bild und der dazugehörige Text waren nach kurzer Zeit gelöscht. „Trust the process“, schrieb Fiete Arp in der vergangenen Woche auf seiner Insta-gram-Seite. „Vertraue dem Prozess.“ Dazu postete er ein Foto von sich und seinem Trainer Christian Titz. Kurze Zeit später war der Eintrag wieder weg. Eine Aktion, die tief blicken lässt in die Debatte um den viel diskutierten Wechsel des 18 Jahre jungen HSV-Stürmers zum FC Bayern München. Auf der einen Seite ein Abiturient, der vor allem Fußball spielen will, und das gerne auch für den HSV. Auf der anderen Seite ein kompliziertes Geflecht aus Clubs und Beratern, denen es vor allem um eines geht: Geld.

Natürlich könnte Fiete Arp für Ewigkeiten der Held aller HSV-Fans sein, sollte er das unmoralische Angebot der Bayern ablehnen. So wie es einst der Hamburger Jung Uwe Seeler tat, als er Inter Mailand absagte, lieber in Hamburg blieb und als „Uns Uwe“ zum größten HSV-Idol der Clubgeschichte wurde. So war es fast logisch, dass der Name „Uns Fiete“ in aller Munde lag, als Arp im Oktober 2017 als 17-Jähriger die Bundesliga-Bühne betrat und die Fans mit zwei Toren in zwei Spielen von einer großen Zukunft träumen ließ. Einer Zukunft mit einem smarten, blonden Jungen mit einem norddeutschen Namen, der mit dem Verein gewachsen ist und dessen Herz am HSV hängt.

Doch diese Geschichte wird keine sein, die ewig währt. Auch bei anderen Vereinen wird es das nicht mehr geben. Fußballspieler sind heute Aktien. Insbesondere junge, überaus talentierte Spieler wie Fiete Arp. Und Clubs investieren in diese Aktien, um mit ihnen Geld zu verdienen. Für Vereinsliebe ist da kaum Platz. Jeder 16-Jährige in einem Nachwuchsleistungszentrum hat heute einen Berater. Und den hat er nicht, um andere Vereine von ihm fernzuhalten. Er hat ihn, damit er die bestmöglichen Verträge für ihn heraushandelt.

Für die Vereine, bei denen die Fiete Arps groß werden, ist das nicht immer einfach. Sie selbst benötigen Spieler, die den Club repräsentieren können; die Marketingpartner überzeugen, sich an den Verein zu binden; die die Fans in die Stadien locken; die Trikots mit ihrem Namenszug verkaufen. Der Name Arp hat sich auf den HSV-Trikots im vergangenen Jahr sehr gut verkauft. Trotzdem wird der HSV Arp irgendwann verkaufen müssen.

Für die Fans wird das eine große Enttäuschung sein. Manch einer wird Fiete Arp verfluchen und ihn auspfeifen, wenn der HSV mittelfristig gegen dessen neuen Club spielt. Möglicherweise wird ihm aber auch kaum einer böse sein, wenn er sich mit Anstand verabschiedet. Ein Fußballprofi will eben die maximal erfolgreiche Karriere erleben und dabei maximal viel Geld verdienen.

Die Frage für Arp, die ihn jetzt auch noch zögern lässt, ist eine andere: Ist ein Wechsel zum FC Bayern – losgelöst von seinem Gehalt – zu diesem Zeitpunkt sinnvoll? Sein Management beschäftigt sich mit dieser Frage intensiv. Zu häufig schon folgten Spieler in jungen Jahren dem Lockruf der Bayern, zu häufig geriet ihre Karriere dabei auf die falsche Chaussee. „Wunderkind“ Sebastian Deisler zerbrach am großen Druck und seinen Verletzungen. „Wunderkind“ Mario Götze verlor in München seine Leichtigkeit. Ein Arp wird in seiner Karriere noch genug Geld verdienen, wenn er gesund bleibt und die richtigen Entscheidungen trifft.

Die Fans werden verstehen müssen, dass es die Uwe Seelers in der heutigen Zeit nicht mehr gibt. Lewis Holtby und Aaron Hunt sind nicht aus Liebe zum HSV in Hamburg geblieben, sondern weil sie auch in der Zweiten Liga noch genug Geld verdienen. Auch Kyriakos Papadopoulos könnte sich nach der schweren Verletzung von Gideon Jung einen Verbleib beim HSV vorstellen. Aber nicht, weil er den Club so gerne mag, sondern weil kein anderer Verein ihm das Gehalt bezahlt, das er in Hamburg selbst nach dem Abstieg erhält.

Die Zeit der Uwe Seelers ist im Fußball vorbei. Ein Thomas Müller kann in München noch eine Identifikationsfigur sein. Schließlich spielt er schon für den größten deutschen Verein mit den größten Gehältern. Für einen Fiete Arp gilt das nicht. Auch wenn die HSV-Fans das nicht gerne hören werden.​