Meinung
Kolumne

Das wahre Endspiel ist in Wimbledon

Auch wenn England Kroatien besiegt hätte: Es gibt Traditionen, die unverhandelbar sind. Sonntag, 15 Uhr, beginnt das Tennisfinale.

Sie werden ihren Fußballern nichts Schlechtes gewünscht haben. Dennoch dürfte das Aus der „Three Lions“ im WM-Halbfinale in Russland bei den Organisatoren der All England Championships in Wimbledon mit Erleichterung aufgenommen worden sein. Immerhin erspart es ihnen nun lästige Diskussionen – und den britischen Sportfans an diesem Sonntag eine Entscheidung von historischer Tragweite. Denn hätte England Kroatien besiegt, dann hätten sich erstmals in der 132-jährigen Geschichte des weltbekanntesten Tennisturniers das Herrenfinale und ein Fußball-WM-Endspiel mit englischer Beteiligung überschnitten.

1966 kämpften die Inselkicker zum einzigen Mal um WM-Titelehren. Und weil das Endspiel vor 52 Jahren, das Deutschland in Wembley mit 2:4 verlor, obgleich der Ball niemals hinter der Linie war, am 30. Juli und damit einen Monat nach Wimbledon-Ende stattfand, mussten die sportverrückten Briten noch nie die Wahl treffen, ob sie dem Nationalheiligtum Wimbledon die Treue halten oder doch zum Volkssport Nummer eins umschalten.

Kein Wunder also, dass in den meinungsstarken britischen Medien seit dem Achtelfinaltriumph im Elfmeterschießen gegen Kolumbien fast täglich die Frage diskutiert wurde, warum der All England Lawn Tennis Club nicht ausnahmsweise seine Traditionen aufbrechen und mit einer Vorverlegung des Herrenfinales die Gewissenskonflikte der Fans auflösen könne. Selbst der „Daily Telegraph“, als bestverkaufte Qualitätszeitung nicht gerade als Anführer populistischer Revolutionsbewegungen bekannt, rechnete angesichts von TV-Marktanteilen der englischen Viertel- und Halbfinalpartien weit jenseits der 80 Prozent vor, dass Wimbledon am Finalsonntag die schlechteste Fernsehquote seit Einführung der Quotenmessung bevorstehen könnte.

Nun ist es nicht so weit gekommen, das sportlich wertlose WM-Spiel um Platz drei, das am Sonnabend mit dem Damenfinale kollidieren könnte, sorgt niemanden. Ihren Standpunkt jedoch hatten die Tennis-Verantwortlichen schon vorher unumstößlich verkündet. „Das Wimbledon-Finale hat in den vergangenen Jahren um 15 Uhr begonnen, und das wird auch dieses und nächstes Jahr so sein“, sagt Geschäftsführer Richard Lewis, und man kann ihm nur zurufen: Richtig so! Wimbledon versteht sich zu Recht als Weltmarke, die sich niemandem beugen muss. Verlässlichkeit ist eine sehr wichtige Eigenschaft, zumal in einer Welt, in der es immer weniger Gewissheiten zu geben scheint.

Wimbledon mag mit dieser Entscheidung manch einen in seiner Meinung bestätigen, ein Hort betonköpfiger Traditionswahrer zu sein. Dass das nicht stimmt, hat sich über die vergangenen Jahre gezeigt. Als erstes der vier Grand-Slam-Turniere hat sich Wimbledon in diesem Jahr entschieden, die von einer Babypause zurückgekehrte Serena Williams in die Setzliste aufzunehmen, obwohl ihre Ranglistenposition dem nicht entsprach. Erstmals gab es 2018 mehr Damen- als Herrenmatches auf dem Centre-Court. Wimbledon bewegt sich, wenn es glaubt, dass es richtig ist. Aber es ist gut, dass es Traditionen gibt, die nicht verhandelbar sind. Dazu gehört, dass man stets aufs Neue aufkommende Diskussionen um das Outfit der Profis mit der charmanten Antwort kontert, die Athleten dürften jede Farbe tragen, solange es Weiß sei. Dazu gehört auch, dass zehn handgezählte kentische Erdbeeren mit Sahne 2,50 Pfund kosten. Und eben, dass die Finalspiele um 15 Uhr beginnen und Fußball auf der Anlage, auf der nichts als Tennis zählt, nicht gezeigt wird.

Der Fußball, der zu oft andere Sportarten zu erdrücken droht, braucht Gegenspieler, die ihm die Stirn bieten. Man habe lange vor Bekanntwerden des Spielplans Kontakt zum Fußball-Weltverband Fifa gehabt, sagte Wimbledon-Marketingdirektor Mick Desmond. „Aber die Fifa war nicht bereit, das Finale auf 20 Uhr anzusetzen, was wir sehr bedauern.“ Ein sympathisches Selbstverständnis ist das. Und selbst wenn Kroatien besiegt worden wäre und die TV-Quoten am Sonntag Tiefstwerte erreicht hätten, wäre Wimbledon entspannt geblieben. Ein Herrenfinale gibt es schließlich in jedem Jahr, ein Fußball-WM-Finale mit England maximal einmal im Jahrhundert.

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