Meinung
Kommentar

Ein ganz besonderes Facebook-Erbe

Das Facebook-Urteil des BGH zwingt zum Handeln.

Die Wahrscheinlichkeit ist seit diesem Donnerstag gestiegen, dass nach unserem Tod ein intimes Geheimnis herauskommen könnte, das wir am liebsten mit ins Grab genommen hätten. Das liegt an einem Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH). Die Richter entschieden, dass Accounts bei sozialen Medien wie Facebook oder Twitter vererbt werden können. Im konkreten Fall ging es darum, dass die Eltern eines 2012 gestorbenen Mädchens Zugang zu deren Nutzerkonto bei Facebook haben wollten. Das soziale Netzwerk hatte ihnen dies unter Berufung auf den Datenschutz verwehrt. Der BGH urteilte im Sinne der Eltern. Die Richter begründeten ihre Entscheidung damit, dass auch Tagebücher und Briefe vererbt werden könnten. Es gebe keinen Grund, warum dies nicht auch für digitale Inhalte gelten solle.

Aus dem Urteil ergeben sich Konsequenzen, die weit über den konkreten Fall hinausgehen. Denn während Briefe und Tagebücher aus der Mode kommen, vertrauen wir digitalen Medien immer intimere Dinge an. Nehmen wir einen Mann, der seine Frau ein paar Wochen lang betrügt. Via Facebook chattet er mit seiner Liebhaberin. Jahre später, die Affäre ist längst vergessen, stirbt der Mann. Seine Frau erbt sein Facebook-Nutzerkonto – und entdeckt die Chat-Protokolle von einst. Die unbedeutende Liaison bekommt für sie eine Bedeutung, die sie womöglich nie hatte. Im Sinne des Mannes wäre es nicht gewesen, dass seine Frau so von seinem Seitensprung erfährt.

Wer solche Überraschungen vermeiden will, tut gut daran, seinen digitalen Nachlass zu Lebzeiten zu regeln. Das hat nichts mit Misstrauen gegenüber engsten Verwandten zu tun. Es gibt ein Recht auf Privatheit. Jeder hat in seinem Leben schon mal Dinge gesagt, getan oder geschrieben, von denen er nicht möchte, dass ­andere davon erfahren. Auch nicht der Ehepartner, die Kinder, Geschwister oder Eltern.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.