Meinung
Kolumne Sportplatz

Russland sucht den Superstar – aber bitte nicht Neymar

Ronaldo? Raus! Messi? Raus! Und Neymar? Nervt! Welcher Kronprinz soll beim WM-Casting auf den Thron des besten Spielers?

Die Hauptstadt der Republik Tatarstan ist einen Besuch wert. Kasans Kreml, längst auf der Liste des Weltkulturerbes, muss man besichtigen. Auch den Gouverneurspalast und die Schlosskirche. Die wahre Kathedrale der Stadt wird aber zumindest am Freitag die Kasan-Arena am Ufer der Kasanka sein. Dort werden sich Brasilien und Belgien im WM-Viertelfinale gegenüberstehen. Und dort wird – ob man mag oder nicht – das nächste Kapitel der Neymar-Festspiele geboten.

Neymar da Silva Santos Júnior, ein Name wie ein Versprechen. Der brasilianische Zauberfußballer ist nach dem Ausscheiden von Argentiniens Lionel Messi und Portugals Cristiano Ronaldo der letztverbliebene Superstar dieser Weltmeisterschaft. Zwei Tore hat Neymar schon geschossen, einen Treffer hat er sensationell vorgelegt. Kein anderer dribbelt so leidenschaftlich. Keiner anderer hat so viele geniale Momente. Und: Kein anderer nervt so dermaßen.

Als die Nervensäge Neymar nach dem 2:0-Sieg gegen Mexiko im Achtelfinale auch noch von der Fifa zum „Man of the Match“ bestimmt wurde, reichte es Dänemarks früherem Weltklasse-Torhüter Peter Schmeichel. „Die Fifa muss doch auch darauf schauen, wie er sich in dem Spiel verhält. Und ich finde keinen anderen Weg, als es schändlich zu nennen“, sagte Schmeichel dem TV-Sender „Russia Today“ – und hatte recht.

Russlands Neymar-Dilemma

Nun könnte die Fifa am 15. Juli vor einem echten Dilemma stehen. Sollte Brasilien Weltmeister werden – was gar nicht mal so unwahrscheinlich ist –, kommt die Fifa wohl gar nicht daran vorbei, den genial-wahnsinnigen Neymar den goldenen Ball des besten Spielers der WM zu übergeben. Doch wenn man Schmeichels Argumentation zu Ende denkt, dann müsste bereits feststehen, dass Neymar zwar einer der besten Fußballer dieses Planeten ist, aber durch seine Eskapaden auf keinen Fall als bester Spieler der WM ausgezeichnet werden kann.

Seit 1982 wird der goldene Ball vergeben. Und lediglich zweimal (Diego Forlan 2010 und Salvatore Schillaci 1990) konnte sich am Ende des Turniers ein Außenseiter die Trophäe sichern. Die restlichen Super-Superstars: Messi (2014), Zidane (2006), Kahn (2002), Ronaldo (1998), Romário (1994), Maradona (1986) und Rossi (1982).

Es gibt aussichtsreiche andere Kandidaten

Die gute Nachricht, Teil eins: Beim WM-Casting RSDS („Russland sucht den Superstar“) haben sich eine ganze Reihe von potenziellen Kronprinzen gefunden, denen man durchaus ernsthafte Ambitionen nachsagen kann, Neymar doch noch vom Thron zu stoßen. Dessen Landsmann Philippe Coutinho (26) zum Beispiel, Englands Torgarant Harry Kane (24), Belgiens Sturmtank Romelu Lukaku (25) und natürlich Frankreichs Teenie-Flitzer Kylian Mbappe (19).

Die gute Nachricht, Teil zwei: Keiner der „Fantastic Four“ hat die Neymar-Fallsucht, die Ronaldo-Protzeritis oder Messis Ich-sage-nichts-weil-ich-ausgeschieden-bin-Krankheit. Brasiliens Coutinho wurde bereits in der Vorrunde, in der er bereits zwei Tore schießen und einen Treffer vorbereiten konnte, attestiert, dass er vielleicht sogar der bessere Neymar sei, mit Sicherheit aber der weniger nervende.

Der Topfavorit kommt aus Frankreich

Englands Harry Kane hat es sich dagegen zur Aufgabe gemacht, lediglich Abwehrreihen zu nerven. Der gebürtige Londoner, der seit seinem elften Lebensjahr bei Tottenham unter Vertrag ist, hat bereits sechs Tore in Russland erzielt und könnte als erster Spieler seit dem brasilianischen Ronaldo 2002 bei einer WM mehr als diese sechs Treffer erzielen. Darauf hofft auch Romelu Lukaku, der immerhin schon viermal ins Schwarze traf und bei einem Sieg der Belgier gegen Brasilien sicherlich zum Favoritenkreis dazugehören würde.

Topfavorit aus der Reihe der Kronprinzen ist aber der gerade einmal 19 Jahre alte Mbappé. Lucky-Luke-mäßig dürfte der bislang dreifach erfolgreiche Franzose sogar ein Laufduell gegen seinen eigenen Schatten gewinnen.

Am Ende dieser WM gilt dann das (ausnahmsweise etwas abgewandelte) Highlander-Prinzip: Es kann nur einen geben. Nur bitte nicht Neymar.