Meinung
Gastbeitrag

Pöbeln ist nicht konservativ

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Johann Hinrich Claussen
Der evangelische Theologe Johann Hinrich Claussen war Hauptpastor von St. Nikolai in Hamburg. Er leitet das Kulturbüro der EKD

Der evangelische Theologe Johann Hinrich Claussen war Hauptpastor von St. Nikolai in Hamburg. Er leitet das Kulturbüro der EKD

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Gegen die Umbrüche unserer Zeit hilft kein Geschrei. Die Kirche hat vieles überstanden. Sie kann Antworten geben

„Sex sells“, lautet eine ewige Wahrheit der Werbewirtschaft. In politischen und kulturellen Debatten aber müsste es heute heißen: „Wut verkauft“. Wer die Meinungsherrschaft erringen will, ist gut beraten, Empörung zu schüren. Denn der Zeitgeist ist auf Krawall gebürstet. Epochale Umwälzungen vollziehen sich rasant, Grundkonsense gelten plötzlich nicht mehr. Das stiftet massive Verunsicherung. Eigentlich wäre jetzt ein ernsthaftes Nachdenken angesagt. Aber viele nehmen lieber die polemische Abkürzung, entlasten sich durch digitales und analoges Pöbeln, stabilisieren ihr verzagtes Ich, indem sie die vermeintlich anderen ausgrenzen. Das ist auch ein gutes Geschäft. Die Empörungspublizistik blüht. Früher war dies ein Genre der Linken, inzwischen schießt ebenfalls auf der anderen Seite allerlei aus dem Boden.

Das geht die evangelische Kirche an. Denn die Kirchenschelte erlebt eine neue Konjunktur. Sie singt das schrille Klagelied von der ach so politisierten evangelischen Kirche: Spirituell entkernt, suche diese ihr Heil in der Politik und spiele sich als moralische Besserwisserin auf. Natürlich wird man für dieses Klischee gelegentlich Belege finden. Doch wer genauer hinschaut, dem bietet sich ein anderes Bild. Im Vergleich zu früher erscheint die evangelische Kirche als fast schon entpolitisiert. Kaum jemand tritt mehr mit dem Völlegefühl auf eine Kanzel, die einzig mögliche Wahrheit zu verkünden, oder spricht den Anhängern anderer Meinungen das Christ-Sein ab. In evangelischen Debatten wird viel mehr gefragt und gesucht als verkündigt und behauptet. Es ist doch auffällig, dass scharfe politische „Einmischungen“ mit Unfehlbarkeitsanspruch heute von katholischen Würdenträgern wie dem orthodoxen Kölner Kardinal Woelki oder dem sozialprogressiven, aber keineswegs liberalen Papst Franziskus kommen.

Die evangelische Kirche ist eine ziemlich selbstkritische Institution. Berechtigte Kritik duldet sie nicht nur, sondern fordert sie ein. Gegen pauschale Abwertungen aber sollte sie sich selbstbewusst wehren. Manche aktuelle Kirchenschelte bedient sich offenkundig unlauterer Methoden: Einzelne – echte oder vermeintliche – Fehler werden skandalisiert und zu einem Totaleindruck der Verkommenheit zusammengefügt. Sachliche Recherche unterbleibt dabei ebenso wie nüchterne Differenzierung. Was nicht ins eigene Wut-Bild passt, wird ausgeblendet.

Dieses Vorgehen ist wieder ziemlich erfolgreich. Ist es auch anständig? Man sollte sich gut überlegen, ob man beim beliebten Protestantismus-bashing mitmachen sollte. Denn bei einigen hat man den Eindruck, dass sie der evangelischen Kirche durch Dauerskandalisierung die Legitimität nehmen wollen – aus politischen Motiven. Eines ist die Empörungsliteratur „von rechts“ übrigens nicht: konservativ. Denn mit „konservativ“ verbinde ich: Bildung und Sachlichkeit, Prinzipienfestigkeit und Gelassenheit, Anstand und Fairness.

Im Roman „Der Gattopardo“ von Giuseppe Tomasi di Lampedusa findet sich dieses schöne und hilfreiche Paradox: „Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass alles sich verändert.“ Viele der Umwälzungen, die uns gerade in Atem halten, lassen sich nicht aufhalten oder zurückdrehen. Da hilft kein Geschrei.

Vielleicht aber bringt es uns weiter, wenn wir ernsthaft und ehrlich darüber nachdenken, wie wir das Wertvolle aus unserer Tradition in die Zukunft überführen können. Das Christentum ist eine ebenso progressive wie konservative Kraft und hat genau deshalb epochale Umbrüche überstanden. Segensreich hat es immer dann gewirkt, wenn es die Menschenfreundlichkeit gestärkt hat und der Menschenfeindlichkeit entgegengetreten ist. Die evangelische Kirche sollte also nicht in das allgemeine Gepöbel einstimmen, sondern einerseits mit klarer Stimme für christliche Humanität eintreten und andererseits mit offenen Ohren begründete Gegenpositionen hören. So kann sie am besten für eine Balance aus Nüchternheit und Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Besonnenheit werben. Damit stellt sie den christlichen Glauben öffentlich vor und leistet einen Beitrag zur politischen Urteilsbildung. Das ist im besten Sinne „konservativ“, nämlich bewahrend.

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