Meinung
Meine wilden Zwanziger

Und plötzlich das nackte Grau!

Von einer überraschenden Entdeckung nach der Tennisstunde und der Frage: Wann ist man eigentlich alt?

Donnerstag vor einer Woche: Das Training ist beendet. Schweißperlen kullern über mein Gesicht. Ich packe den Tennisschläger in meine Tasche. Dann lasse ich mich auf die Bank im Schatten sinken. Neben mich setzt sich eine Freundin aus meiner Mannschaft. Sie beäugt mich von der Seite. „Du hast da was“, sagt sie und greift mit Zeigefinger und Daumen an meinen Hinterkopf. Bestimmt ein Käfer. Plötzlich ziept es. „Autsch!“, rufe ich und schaue sie verwundert an. Dann wandert mein Blick zwischen ihre Finger. Ich muss schlucken. Anstatt eines Tierchens präsentiert sie mir mit einem triumphierenden Grinsen mein erstes graues Haar. Ach. Du. Meine. Güte.

Gefühlt ist es dicker als die Fäden in jedem meiner Strickpullover. Es ist mindestens 20 Zentimeter lang und so weiß, wie es mit 25 Jahren noch nicht sein sollte. Hilfe! Wachsen etwa noch mehr ungeliebte Gäste auf meinem Kopf?

Zugegeben: Einige von Ihnen, liebe Leser, werden wahrscheinlich über mein Problem lächeln. „Mein Deern, komm erst einmal in mein Alter“, hätte mein Großvater in so einem Moment zu mir gesagt. Und das vollkommen zu Recht. Trotzdem: Mit einem Vierteljahrhundert mache ich mir zum ersten Mal in meinem Leben Gedanken über das Altwerden.

Doch ab wann gilt ein Mensch eigentlich als „alt“? Wenn er aufhört, sich auf seinen Geburtstag zu freuen? Wenn er anfängt, Kindern zu predigen, die Schulzeit zu genießen? Oder müssen ihm erst – so wie mir – graue Haare wachsen? Auf der Suche nach einer Definition bin ich auf eine Bestimmung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gestoßen. Demnach gelten Menschen mit 65 Jahren als „alt“. Alles Quatsch. Schon Sänger Udo Jürgens wusste: „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an!“

Jeder empfindet das Alter in unterschiedlichen Phasen seines Lebens anders. Als ich mit sechs Jahren das Poesiealbum meiner Mutter durchgeblättert habe, hatte ich das Gefühl, ein historisches Dokument eines anderen Jahrhunderts in den Händen zu halten. Die Seiten waren vergilbt, die Schrift verschnörkelt. Damals zeichneten Schulfreunde noch Bilder in das Buch. Allein die Tatsache, dass ich zu meiner Schulzeit ebenfalls ein Poesiealbum besessen habe, lässt mich aus Sicht der heutigen „Generation YouTube“ zur alten Knackerin werden. Gibt es überhaupt noch Freundschaftsbücher? Oder reicht es, die WhatsApp-Verläufe seiner Klassenkameraden zu archivieren? Erinnerungen werden nicht mehr in Büchern festgehalten, sondern auf Smartphones gespeichert. Wenn es kaputt geht, sind sie ausgelöscht.

Die meisten Menschen fassen es als Beleidigung auf, als „alt“ bezeichnet zu werden. Das war früher anders: Als Philosoph Immanuel Kant seinen 50. Geburtstag feierte, das war 1774, bezeichnete ihn der Redner in seiner Laudatio an der Universität Königsberg als „ehrwürdigen Greis“. Damals ein Kompliment. Heute ein No-Go. Warum eigentlich?

Wir stemmen uns verzweifelt gegen das Älterwerden. Mit Anti-Aging-Cremes. Mitgliedschaften im Fitnessstudio. Oder Schönheitsoperationen. Mittlerweile lassen sich Influencer live bei Instagram die Lippen aufspritzen, die Zähne bleachen und die Haare verlängern. Sie werben bei jungen Menschen für Firmen, die hinter den Eingriffen stecken. Erschreckend. Damit vermitteln sie der Jugend nicht nur ein schiefes Bild von Schönheit, sondern auch vom Alter.

Ja, der Spruch ist abgedroschen. Und Sie haben ihn wahrscheinlich längst erwartet, aber: Jeder ist so alt, wie er sich fühlt. Eine Freundin von mir ist vor einiger Zeit zur Couch-Potato mutiert. Sie löst in ihrer Freizeit Sudoku, schaut Serien und kümmert sich um ihre beiden Katzen. All das sind Aktivitäten, die man nicht unbedingt von einer jungen Frau erwarten würde. Macht aber nichts.

Umgekehrt ist mein 83 Jahre alter Großvater bis zum Schluss in den Urlaub verreist, regelmäßig schwimmen gegangen und hat mich und meine Eltern in unsere Stammkneipe begleitet. Nur dem Smartphone konnte er nichts abgewinnen. Doch für seine Lust am Leben habe ich ihn immer bewundert. Deswegen macht mir mein graues Haar auch kein bisschen etwas aus.