Meinung
Kommentar

25 Jahre nach Solingen: Der Hass ist salonfähig

Hat Deutschland nichts aus dem Mordanschlag gelernt?

Es gibt Gedenktage, die nur noch wenig mit dem Heute zu tun haben. Dieser Gedenktag ist anders. Die Erinnerung an den Anschlag von Solingen, bei dem vor 25 Jahren fünf türkische Mädchen und Frauen von Rechtsradikalen getötet wurden, ist von höchster Aktu­alität. Denn: Solingen zeigt, wohin es führt, wenn Hasserfüllte glauben, handeln zu dürfen. Dieser Hass ist noch da – und er ist sichtbarer als vor 25 Jahren.

Hoyerswerda, Rostock, Mölln, Solingen: Das bürgerliche Deutschland schaute damals mit Entsetzen und Abscheu auf die Ausschreitungen – hielt den brüllenden Mob, die gewalttätigen Rechten aber allenfalls für eine hässliche Randerscheinung des wiedervereinigten Deutschlands. Das Wegsehen und Kleinreden gelang lange Zeit gut, zumal sich in jenen Jahren keine der etablierten Parteien bundesweit ernsthaft durch rechte Konkurrenz bedroht sah.

Heute, 25 Jahre nach dem Anschlag von Solingen, sitzt mit der AfD eine Partei im Bundestag, deren Wortführer türkische Bürger öffentlich als „Kümmelhändler“ und „Kameltreiber“ bezeichnen. Ihre Anhänger finden sich längst nicht mehr nur im Hinterzimmer oder am Stammtisch des Internets, sondern bis weit hinein in einst liberale, bürgerliche Kreise. Der Hass, das einfache Freund-Feind-Denken, ist nicht nur sichtbarer, sondern längst salonfähig.

Solingen ist auch deshalb so aktuell, weil es zeigt, was passiert, wenn eine Stimmung eskaliert, wenn aus dumpfen Ressentiments offene Gewalt wird. Hat Deutschland daraus gelernt? Die Antwort hängt davon ab, ob der anschwellende Rechtspopulismus eine stabile Größe bleibt. Das wiederum ist eine Frage der politischen Tatkraft: Wer sich von Staat und Politik geschützt und geschätzt fühlt, sucht sich keine Sündenböcke. So einfach, so schwer ist das.