Meinung
Meine wilden Zwanziger

Ganz schön schwer, meine Plastikmüll-Diät

Ja, man kann Joghurt in Glasflaschen kaufen. Aber wie sehe ich bloß aus mit dieser ökologischen Haarseife?

„Because earth is beautiful“ (zu Deutsch: Weil die Erde schön ist), steht in Großbuchstaben im Café „In guter Gesellschaft“ im Schanzenviertel an der Wand neben der Eingangstür. Strohhalme aus Metall stecken in den Kaltgetränken. Die Möbel sind gebraucht. Kaffee wird im Marmeladenglas statt im Coffee-to-go-Becher serviert. Plastik gibt es hier so gut wie gar nicht. Die Mülltonne hinter dem Tresen ist bis auf einen Kunststoffdeckel, einen Kronenkorken und zwei Plastikschnipsel leer.

Schon vor einigen Wochen habe ich für eine Geschichte im Abendblatt zwei junge Frauen getroffen, die das erste Café in Hamburg nach der „Zero Waste“-Philosophie eröffnet haben. Das bedeutet: Sie wollen so wenig Abfall wie möglich produzieren. Zugegeben: Am Anfang war ich skeptisch. Wie kann es funktionieren, im laufenden Tagesgeschäft einer Gas­tronomie komplett auf Plastik zu verzichten? Es klappt. Das weiß ich jetzt. Aber nicht ohne großen Aufwand.

Zu Hause öffne ich meinen Kühlschrank. Mich hat nach dem Termin nicht nur der Hunger, sondern vor allem das schlechte Gewissen befallen. Plastikflaschen reihen sich aneinander. Der Brokkoli im Gemüsefach ist in Frischhaltefolie eingewickelt. Das Tomatenmark kommt aus der Tube. Und selbst das Fleisch von der Theke steckt im Kunststoffpapier. Wo ich auch hinschaue, sehe ich Plastik.

Im Bad nimmt das Ausmaß noch größere Dimensionen an. Shampoo, Duschgel und Spülung stehen in der Badewanne. Auf dem Waschbeckenrand liegen Zahnbürste, Zahnpasta und Waschgel. Und mit dem Sortiment im Schrank könnte ich problemlos meine eigene Budni-Drogerie-Filiale eröffnen. Ich züchte mir ein Plastikmonster in meiner eigenen Wohnung heran – und habe es nicht einmal bemerkt. Bis jetzt.

Es ist kein Wunder, dass auf dem Pazifik ein Müllteppich schwimmt, der so groß sein soll wie Deutschland, Österreich, Tschechien, Polen, Luxemburg, Ungarn und die Schweiz zusammengerechnet. Erschreckend. Nach Angaben der EU-Kommission fallen europaweit rund 26 Millionen Tonnen Plastikmüll pro Jahr an. Nur knapp 30 Prozent davon werden zur Wiederverwertung gesammelt. Der Rest landet auf Müllkippen, in Verbrennungsanlagen – oder eben im Meer.

Das Thema ist derzeit in aller Munde. Auch in meiner Generation. Die neueste Idee: Im Kampf gegen den Müll sollen Plastikbesteck, Strohhalme und Wattestäbchen für den privaten Gebrauch verboten werden. Schön und gut. Sicherlich ein Anfang. Doch viel einfacher wäre es, wenn jeder Mensch seinen Plastikkonsum von sich aus einschränken würde. Zumindest etwas.

Ohne Zweifel, die Plastikmüll-Diät erfordert Anstrengung. Nur wenige Meter von meiner Wohnung entfernt befinden sich gleich drei Supermärkte. Das nächste Geschäft, das verpackungsfreie Lebensmittel verkauft, ist hingegen zehn Autominuten und eine nervige Parkplatzsuche weiter weg. Meistens laufe ich dann doch zum Supermarkt. Aber auch im normalen Discounter kann der Verbraucher sein Obst und Gemüse mittlerweile in Papiertüten füllen. Joghurt und Wasser gibt es in Glasflaschen. Und Käse und Fleisch von der Theke können einfach in der Brotdose statt in der doppelt und dreifach verpackten Plastiktüte transportiert werden.

Bei Kosmetikartikeln erweist sich das umweltschonende Einkaufen als komplizierter. Bei meinem ersten Besuch in einem verpackungsfreien Laden habe ich mir eine Haarseife am Stück gekauft. Sie soll Shampoo, Duschgel und Spülung ersetzen. Dann mal los.

Wie verrückt reibe ich mir damit über den Kopf, bis es schäumt. Nach dem Auswaschen fühlen sich meine Haare stumpf an. Klar, die ganzen ungesunden Weichmacher fehlen ja auch in der Bio-Seife. Nachdem ich sie drei Tage benutzt habe, sehen meine Haare aus, als hätte ich sie eineinhalb Wochen nicht gewaschen. Gut, nicht alles, was ökologisch abbaubar ist, muss jedem gefallen.

Ich kaufe zum Teil immer noch Produkte ein, die aus Plastik bestehen. Menschen, die darauf komplett verzichten können, bewundere ich. Wie zum Beispiel die jungen Frauen aus dem Café im Schanzenviertel. Doch wenn jeder von uns seinen Müllverbrauch nur ein wenig verringern würde, wäre der Natur schon geholfen. Denn: Die Erde ist nicht nur schön – sie soll es auch bleiben.