Meinung
Hamburger Kritiken

Jeff Bezos – der König von Amazonien

Jeff Bezos, der Chef des Online-Riesen, ist der reichste Mann und der „schlechteste Chef der Welt“.

Die Mai-Umzüge der Gewerkschaft wirken immer etwas aus der Zeit gefallen: Märsche mit Fahnen, den alten Weisen und Reden, gewürzt mit etwas Klassenkampf – da bedarf es schon einer großen Tradition, mit diesen Demons­trationen noch in die Medien zu kommen.

Wesentlich zeitgemäßer agieren da die radikalen Wirrköpfe und erlebnisorientierten Jugendlichen, die in Berlin-Kreuzberg oder der Schanze eine ganz andere Tradition ausleben – die der Mai-Randale, von extremistischen Altvorderen zum „Riot“, zum politischen Aufstand, geadelt. Die Bilder von brennenden Barrikaden, abgefackelten Autos und fliegenden Flaschen faszinieren im Fernsehen und im Internet stets mehr als Gewerkschafter. Möglicherweise ein Indiz, dass mit unserer Wahrnehmung irgendetwas nicht stimmt.

Die Gewerkschaften sind nicht so vorgestrig, wie mancher Umzug vermuten lässt; sie sind auch nicht weniger relevant, weil die Wirtschaft sich gerade in einer Hochkonjunktur befindet. Sie sind ein wichtiges Korrektiv. Am Dienstag demonstrierte die Gewerkschaft Ver.di in Berlin – und wies so auf ein Unternehmen hin, dessen Geschäftsgebaren diskutiert werden muss.

Der Axel Springer Award ging zeitgleich an Jeff Bezos. Zweifelsohne ist das unternehmerische Wirken des Mannes aus New Mexico beeindruckend: Der Visionär gründete 1994, das Internet galt noch als Spielplatz für Nerds, den Online-Buchhändler Amazon. Jahrelang schrieb die Firma Verluste, aber sie investierte das Geld in Wachstum, Wachstum, Wachstum. Heute ist Amazon das Kaufhaus der Welt und verschickte im vergangenen Jahr fünf Milliarden Artikel.

Die Schattenseiten von Amazon

100 Millionen Menschen zahlen sogar dafür, Prime-Kunde zu sein – und damit besondere Angebote zu bekommen. Deutschland ist einer der wichtigsten Märkte, hier zahlen Prime-Kunden jährlich 69 Euro. Darunter dürften auch Gewerkschafter sein. Denn Amazon ist Dr. Jekyll und Mr. Hyde in einem; Segen und Fluch, Utopie und Dystopie in einem.

Der Erfolg von Amazon hat Schattenseiten, die Kunden aus Bequemlichkeit gern ausblenden. Man muss kein Übermaß an Sozialneid in sich tragen, um es obszön zu finden, dass Jeff Bezos mit einem Vermögen von 130 Milliarden Dollar der reichste Mensch der Welt ist. In Ohio muss sich jeder zehnte Amazon-Arbeiter mit Lebensmittelkarten über Wasser halten. Der Internationale Gewerkschaftsbund kürte Bezos 2014 zum „schlechtesten Chef der Welt“.

Zwar bekommen die Beschäftigten in den deutschen Logistikzentralen mindestens 10,52 Euro brutto pro Stunde; das ist für Logistiker nicht wenig, aber ex­trem wenig im Vergleich zu den Löhnen, die der Einzelhandel oder Versandunternehmen bezahlen. An Amazon lässt sich eine Krankschrumpfung sozialer Verhältnisse besichtigen: Besser bezahlte Jobs werden durch Niedriglöhner ersetzt, die dann in einem nächsten Schritt von Maschinen verdrängt werden dürften.

Internationale Konzerne – Meister der Steueroptimierung

Dagegen lässt sich nur bedingt etwas ausrichten. Unternehmen aber leben nicht in einer virtuellen, sondern realen Welt. Sie müssen ihren Beitrag zur Finanzierung von Staat und Gesellschaften leisten. Leider sind internationale Konzerne Meister der Steueroptimierung. Amazon hat in den Jahren zwischen 2006 und 2014 auf drei Viertel seines Gewinns in Europa gar keine Steuern bezahlt, sagt EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager.

Möglich wurde dies mit tatkräftiger Unterstützung des Obereuropäers und damaligen luxemburgischen Premiers Jean-Claude Juncker. Inzwischen werden zwar die deutschen Umsätze hier verbucht, aber nach Berechnungen der Otto-Brenner-Stiftung zahlt der Buchhändler um die Ecke noch immer dreimal mehr Steuern pro Umsatzeuro.

Der US-Konzern hingegen nutzt für seine Expansionsstrategie die Infrastruktur, die er andere bezahlen lässt. Wer hat die Straßen, Industriegebiete und das Netz finanziert, wer sorgt für Rechtssicherheit und ermöglicht einen Sozialstaat? Wir!

Aber wo kaufen wir ein? Der 1. Mai ist nicht nur ein wichtiger Feiertag für die Gewerkschaften, sondern auch für Amazon: Wenn die Läden schließen müssen, läuft der Umsatz bei den Onlinehändlern stets besonders gut ...