Meinung
Leitartikel

Vom Auto umsteigen? Ja, aber ...

| Lesedauer: 3 Minuten
Elisabeth Jessen

... nur, wenn die Politik den Autofahrern in Hamburg attraktive Angebote macht.

Die Hamburger sind begeisterte Autobesitzer. In der Hansestadt sind etwa 780.000 Autos zugelassen – bei 1,8 Millionen Einwohnern. Obwohl immer mehr Leute radeln, der HVV ständig neue Rekorde verkündet, weil immer mehr Hamburger mit Bus und Bahn unterwegs sind, steigt die Zahl der Autos steigt ständig weiter.

Begeisterte Autofahrer sind die Hamburger nicht unbedingt. Sie stehen ständig im Stau, die vielen Baustellen nerven, die Zahl der Parkplätze sinkt ständig. Ein paar Zahlen veranschaulichen das Problem mit dem Autoverkehr in der Großstadt recht ordentlich: Gut einen Tag pro Jahr verschwenden Autofahrer hier für die Parkplatzsuche und im vergangenen Jahr standen die Hamburger fast zwei Tage lang im Stau. Im Schnitt geben sie knapp 1000 Euro fürs Parken aus – die Stellplatzmiete für einen Wagen in Bestlage kostet 351 Euro im Monat. Beeindruckend! Manche haben fürs Wohnen weniger Geld zur Verfügung.

Noch eine Zahl gefällig: 23 Stunden am Tag steht ein Auto nutzlos herum. Trotzdem glauben Autofahrer noch immer, dass der Parkplatz am Straßenrand kostenlos sein müsste. Und obwohl das viele Blech ohnehin schon unendlich Platz im öffentlichen Raum beansprucht, blockieren viele Autofahrer auch noch Geh- und Fahrradwege. Ein ständiger Ärger.

Trotzdem hat längst ein Sinneswandel stattgefunden: die wenigsten Städter sind auf nur ein Fortbewegungsmittel fixiert. Nein, sie sind Fußgänger, fahren aber auch gern mit dem Rad zur Arbeit oder zumindest bis zur nächsten U-Bahn- oder S-Bahnstation und den Großeinkauf erledigen sie gern mit dem Auto. Ganz nach Bedarf, so wie es gerade passt.

Die große Zahl der zugelassenen Fahrzeuge beweist aber auch, dass die Menschen nicht bereit sind, sich in ihrer Mobilität einschränken zu lassen. Es reicht nicht, ständig Parkplätze zu verknappen, sondern man muss den Großstädtern auch attraktive Angebote machen. Bei dem Wetter, das uns in dieser Stadt häufig genug zu schaffen macht, wird die Zahl derer, die alle Wege mit dem Rad zurücklegen, nicht in den Himmel wachsen. Und solange der öffentliche Nahverkehr, vor allem die S-Bahn, nicht deutlich zuverlässiger und enger getaktet ist, werden die Menschen ihr Auto nicht abschaffen wollen. Sie nutzen es zwar vielleicht nur ein paar Stunden in der Woche, aber sie wollen ihre Wahlfreiheit nicht aufgeben.

Ein Beispiel aus jüngster Zeit gefällig: Das eigene Auto ist in der Werkstatt, jemand muss am Abend aber dringend vom Flughafen abgeholt werden. Der Weg mit dem Bus zum Flughafen (Autodistanz zehn Minuten) dauert eine Dreiviertelstunde. Von dort per Carsharing zum Hotel nach Ottensen geht es problemlos. Anders auf dem Rückweg: Mit dem Carsharing-Wagen ist bereits in Lokstedt Schluss, denn dort endet das Geschäftsgebiet. Mit dem Bus würde der Heimweg (inklusive Umsteigen) noch etwa 40 Minuten dauern, also geht es mit dem Taxi den Rest des Weges weiter. Ein teures Vergnügen und auch nicht wirklich zukunftsträchtig. Solange die Vorstädte weiße Flecken bleiben, werden nicht viele freiwillig ihr Auto abschaffen.

Natürlich wird es immer Menschen geben wird, die ihr Auto für ihre Arbeit brauchen oder aufgrund besonders ungünstiger Arbeitszeiten mit Bus und Bahn nicht zurechtkommen. Aber die Mehrzahl liebt vor allem die Bequemlichkeit, die das Auto bietet. Ein gewisser Luxus. Und der darf auch Geld kosten. Und wenn es 1000 Euro im Monat sind.

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