Meinung
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Mehr Show als Strafe

Am Elend in Syrien ändert sich auch nach Trumps Raketenangriffen nichts

Verhältnismäßig. Angemessen. Erforderlich: Die am meisten benutzten Vokabeln nach dem militärischen Nadelstich des Westens in Syrien sind verräterisch. Sie stehen für die Unentschlossenheit, dem von Diktator Assad im achten Jahr orchestrierten Massen-töten wirklich Einhalt zu gebieten.

Wäre es anders, man würde ein anderes Wort hören: "zielführend." Genau das war die von US-Präsident Donald Trump mit Frankreich und Großbritannien auf dem Beifahrersitz durchgeführte Show-Strafaktion für die Assad zugeschriebenen Giftgas-Gräueltaten gegen die eigene Bevölkerung nicht. Sie sollte es nicht sein.

Das von Trump geschichtsvergessen bei George W. Bush geklaute Jubelfazit "Mission erfüllt", das schon 2003 falsch war, steht symbolhaft für die Flucht in eine Scheinwelt. Sie hat mit dem rabenschwarzen Istzustand der längst vom Bürger- zum Stellvertreter-Krieg ausgearteten Tragödie nicht das Geringste gemein. Die zwischen permanenter Rückzugssehnsucht und temporären Führungsallüren pendelnde Großmacht USA hat mit dem auf drei Ziele beschränkten Angriff Assad einmal mehr eine Gelbe Karte gezeigt, deren disziplinierende Wirkung gen null geht. Niemand glaubt, dass dem von seinen Bodyguards Moskau und Teheran beschützten Despoten alle Chlorgas- und Sarin-Bestände ein für allemal aus der Hand geschlagen sind. Aber selbst wenn: Mit konventionellen Bomben, so lautet zynisch die unterschwellige Botschaft der Dreierkoalition in Washington, Paris und London, darf das Morden weitergehen.

Warum? Weil niemand, Trump am allerwenigsten, eine Strategie besitzt oder entwickeln will, die an den Kräfteverhältnissen rüttelt, die für Assad günstiger kaum sein könnten. Dazu müssten seine Schutzmächte Russland und Iran diplomatisch, wirtschaftlich und letztlich auch militärisch auf lange Zeit entschieden härter unter Druck gesetzt werden; ohne dass dabei das Ausufern in einen Großkonflikt begünstigt wird. Unter Trump wird es dazu nicht kommen. Erst vor zwei Wochen hatte er aus einer Laune heraus den verfrühten Abzug der 2000 US-Soldaten aus Syrien angekündigt. Nur mit größter Mühe konnten ihn die Generäle zum Stillhalten bewegen. Sie wissen: Syrien interessiert Trump noch weniger, seit der "Islamische Staat" territorial weitgehend vernichtet ist.

Man darf darum nicht zum Nennwert nehmen, wenn Trump Folge­angriffe ankündigt, sollte das Regime in Damaskus erneut völkerrechtlich geächtete Giftgase gegen die eigenen Bürger einsetzen. Verteidigungsminister James Mattis, der zurzeit wichtigste Kompass in Trumps Kabinett, hat sich hier entschieden zurückhaltender positioniert. Der Viersternegeneral weiß, dass Trumps Angriffsbefehl vor allem innenpolitischem Kalkül folgte. Das für den Präsidenten desaströse Buch von Ex-FBI-Chef James Comey und die offenkundige kriminelle Energie seines Anwalts Michael Cohen sollten aus den Schlagzeilen vertrieben werden. Das ist vorübergehend gelungen.

Am Elend in Syrien ändert sich jedoch nichts. Washington hat peinlich darauf geachtet, Moskau, das nun pflichtschuldig in Theaterdonner verfällt, nicht über Gebühr zu verstimmen. Weder wurde russisches Militär beschossen noch Assad attackiert. Das nicht zuletzt durch törichte Twitter-Beiträge Trumps ausgelöste Geraune über eine angeblich drohende Konfrontation der Großmächte hat sich als heiße Luft erwiesen. Beim nächsten Giftgas-Angriff spricht man sich wieder.

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