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Das Kreuz mit der Geschichte Hamburgs

Ein Senatsempfang für die Opfer der deutschen Kolonialzeit verwundert – sie verklagen die Bundesrepublik.

Hamburg stellt sich seiner Geschichte. Das ist gut so, auch wenn die Aus­einandersetzung oft schmerzhaft ist und Untaten offenlegt, die in deutschem Namen oder aus Hamburger Interessen begangen wurden. Die Hafen- und Handelsstadt hat die Kolonialzeit unrühmlich geprägt. Dazu zählt auch der Vernichtungsfeldzug gegen die Herero und Nama im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika mit bis zu 100.000 Toten. Was zwischen 1904 und 1908 passiert ist, war Völkermord.

Ein Senatsempfang für Herero- und Nama-Opferverbände, die sich nun in Hamburg zu einem Kongress treffen, wirkt da auf den ersten Blick passend. Ein zweiter Blick aber macht stutzig, warum der Senat der Hansestadt diese Verbände und ihre Unterstützer „in Anerkennung der moralisch-politischen Verantwortung“ ins Rathaus lädt. Denn es geht neben der geschichtlichen Aufarbeitung um knallharte monetäre Interessen – zulasten der Steuerzahler: Der Herero- und Nama-Kongress fordert nicht nur die Anerkennung des Genozids und eine glaubwürdige Entschuldigung durch die Bundesregierung, sondern auch unmissverständlich „eine adäquate Entschädigung, die der Dimension des ersten Genozids im 20. Jahrhundert gerecht wird“.

Sehr deutsche Geschichtssicht

In deutschsprachigen Debatten ist der „erste Völkermord des 20. Jahrhunderts“ inzwischen unumstritten der in Namibia; andere Länder diskutieren anders. Wer das englischsprachige Google nutzt, wird überwiegend auf den Völkermord an den Armeniern im damaligen Osmanischen Reich während des Ersten Weltkriegs verwiesen, den bis zu 1,5 Millionen nicht überlebten. Wer im englischsprachigen Wikipedia Völkermorde recherchiert, bekommt neben dem deutschen Wüten in Namibia allein in Afrika drei weitere „Völkermorde“ – die belgischen Kongogräuel zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die französische Besatzung in Algerien und das Morden im Zulu-Königreich zwischen 1810 und 1828. Im deutschsprachigen Wikipedia beginnt die Auswahl allgemein anerkannter Völkermorde in Namibia.

Es geht nicht um Relativierung des begangenen Unrechts, aber um eine sehr deutsche Geschichtssicht. „England und Frankreich betrachten die positiven Aspekte ihrer Geschichte, um sich daran aufzubauen. Und in beiden Fällen führt dies zu einer überaus selektiven und schmeichelhaften Wahrnehmung der eigenen Vergangenheit“, sagt etwa der britische Kunsthistoriker Neil MacGregor. „Nur Deutschland ist anders.“ Der Holocaust verbietet es uns ein für allemal, die Historie zu heroisieren. Das ist gut. Schwierig aber wird es, wenn die Sicht auf die eigene Geschichte ins pure Gegenteil umschlägt – und als Ansammlung von Völkermord und Totschlag erzählt wird.

Viele Gäste des Senatsempfangs teilen diese Geschichts- und Weltsicht: Veranstalter des Kongresses sind die linke Rosa-Luxemburg-Stiftung und die „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Bund“, die ein „Schwarzes Bewusstsein“ fördern und für eine „anti-rassistische Haltung in allen gesellschaftlichen Bereichen“ eintreten will. Als „Supporter“ treten die Asten der Uni und der HAW sowie die Amadeu Antonio Stiftung auf.

Pikanter Zeitpunkt

Der Zeitpunkt ist pikant, weil die Opferverbände der Herero und Nama Deutschland in New York auf bis zu 30 Milliarden Euro Entschädigung verklagt haben. Berlin verweist darauf, dass anders als bei Holocaust-Überlebenden und Zwangsarbeitern eben nicht direkte Opfer eine Entschädigung für erlittenes Leid bekämen, sondern Urenkel und Ururenkel für das Leid der Vorfahren.

Die Bundesregierung sieht die Frage als eine politisch-moralische und eben nicht als eine des Rechts an; sie schlägt einen deutsch-namibischen Zukunftsfonds vor. Im Auswärtigen Amt fürchtet man: Wenn Verbrechen, die 110 Jahre zurückliegen, zu Reparationen führen, stünde bald nicht nur Deutschland vor dem Bankrott, sondern die Völkergemeinschaft vor einer Rückkehr alter Kriege und Konflikte. Wo fängt das an? Und wo hört es auf?

„Wir sind uns unserer geschichtlichen Verantwortung in jeder Hinsicht bewusst, sind aber auch keine Geiseln der Geschichte“, sagte 2003 ein kluger Bundesaußenminister in Namibia. Es war Joschka Fischer von den Grünen.