Meinung
Leitartikel

Fremde und Heimat schließen einander nicht aus

Was die Osterbotschaft mit Seehofers Heimatministerium gemein hat. Gotteshäuser symbolisieren nicht nur romantisches Heimatgefühl.

Ostern bedeutet Heimat: Dazu zählt der Duft des Osterfrühstücks auf einer festlich gedeckten Tafel genauso wie die Ostereiersuche und der Gottesdienstbesuch. Das weckt Kindheitserinnerungen und ist vielen Menschen vertraut. Schließlich wird an diesem Tag die Auferweckung Jesu gefeiert, der Sieg der Hoffnung über Tod und Zerstörung.

Was Horst Seehofer als Heimatminister mit seinem neuen Ministerium auf die Agenda des Regierungshandeln setzen will, gehört also seit 2000 Jahren zum Selbstverständnis der Kirchen: Sie bieten Menschen in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld Heimat und soziale Nähe. Die Gotteshäuser symbolisieren jenes romantische Heimatgefühl. Aber in einem Punkt dürften die Volkskirchen wohl über die Haltung des CSU-Politikers hinausgehen: Fremde und Heimat schließen einander nicht aus, sondern sind elementare Bestandteile kirchlicher Identität.

Wer die Kirchengeschichte näher betrachtet, wird zwar auf Spaltungen, Hetze und Hass gegen Andersdenkende („Ketzer“) hinweisen müssen. Aber gerade in den Anfängen ist der christliche Glaube, der Sklaven im Römischen Reich Heimat und Hoffnung bot, ohne das Fremde und damit „die Fremden“ nicht zu denken. Der Apostel Paulus war der erste religiöse Globetrotter, beseelt von seiner Mission, den Osterglauben Fremden in der Ferne zu vermitteln – den Heiden. Dafür reiste er bis nach Ephesus, das in der heutigen Türkei liegt, bis nach Griechenland und Rom. Es waren damals die Heiden, die dem jüdischen Volk so fremd waren. Sie glaubten nicht an den einen Gott, sondern die vielen Götter.

Zügig wurden Heiden in der nach Ostern entstandenen Urkirche inte­griert. Ganz ohne Bundesamt für Mi­gration und Flüchtlinge oder Integrationsbeauftragte und Gender Mainstreaming. Kirchlich integriert wurden auch die vielen Flüchtlinge aus den früheren deutschen Ostgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie haben manche öde Stadt- und Dorfgemeinde mit ihrer Liebe zur Musik, ihrer fröh­lichen Festkultur rund um Ostern und Weihnachten bereichert.

Gastfreundliche Kirchengemeinden haben sie aufgenommen und soziale Nähe geschenkt. Mit der gestiegenen Zahl von Flüchtlingen in Deutschland gibt es heutzutage auch in Hamburg Beispiele, wie sich katholische, evangelische und freikirchliche Gemeinden den bislang fremden Brüdern und Schwestern aus Syrien und Afghanistan öffneten. Glaube, Fremde und Heimat sind für Christen eben nicht verhandelbar.

Um dieses Ethos zu leben, bedarf es neben kirchlichen Personals zahlreicher Ehrenamtlicher, die sich tatkräftig für eine Willkommenskultur einsetzen. Zum Glück ist die Zahl der Ehrenamt­lichen in der Evangelischen Nordkirche gestiegen. Es sind rund 80.000, die sich von Usedom bis Helgoland vielfältig für Gotteslohn engagieren.

Selbstverständlich darf sich kirchliche Arbeit nicht in Leuchtturm­projekten für Flüchtlinge erschöpfen. Denn es gibt darüber hinaus in wachsender Zahl Bürger, die sich von ihrer Kirche „entfremdet“ haben. Dazu tragen nicht zuletzt die Pläne für die Schließung katholischer Schulen im Erzbistum bei. Auch wächst angesichts der Globalisierung das Gefühl, im eigenen Land, in der Heimatstadt Hamburg, „unbehaust“ zu sein. Die Osterbotschaft gilt nicht zuletzt jenen, die montags zur Anti-Merkel-Demo kommen. Es ist eine dringende Aufgabe der Kirchen, diese neuen „Fremden“ in den Blick zu nehmen, damit auch sie wieder Heimat finden.