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Ein „bürokratisches Monster“, das hoffen lässt

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Björn Jensen

151 Fragen an jeden Sportverband: Mit dem Analysesystem PotAS sollen Fördergelder besser verteilt werden

Man kennt das ja in Deutschland, der Nation der Traditionalisten und Besitzstandswahrer. Kaum ist das Wort Reform ausgesprochen, melden sich die Bedenkenträger. Nun ist es die seit 2016 diskutierte Leistungssportreform, die in die Kritik geraten ist, nachdem gestern deren umstrittenes Kernstück online ging: das sogenannte Potenzialanalyse-System PotAS. Ein „bürokratisches Monster“ sei dort geschaffen worden, sagen die Zweifler; ein Kontrollwerkzeug, mit dem der Staat dem organisierten Sport die Deutungshoheit über die Erfolgsaussichten seiner Besten streitig machen wolle.

Worum geht es? Mithilfe von PotAS sollen objektive Einschätzungen über das Leistungspotenzial der im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) organisierten Fachverbände optimiert werden. Jeder Verband muss einen Analysebogen mit 151 Fragen und 70-seitiger Erklärung bearbeiten – bis zum 22. Mai zunächst die Wintersportarten. Fragen nach dualer Karriereplanung, individueller Trainingsplanung oder Talente-Entwicklung sollen ein umfassendes Bild der Leistungsstärke jedes Verbands zeichnen. Bis Mitte Juli teilt die fünf Mitglieder umfassende PotAS-Kommission die Verbände in drei Förderstufen, sogenannte Cluster, ein. Im September wird dann die Förderkommission, bestehend aus Vertretern von Ländern, DOSB und Bundesinnenministerium (BMI), die Fördergelder für das Jahr 2019 verteilen. Dabei sind die Ergebnisse aus PotAS nicht das allein ausschlaggebende Kriterium. Zielvereinbarungsgespräche finden weiterhin statt. Eine Entscheidungsgrundlage aber soll das System schon bieten.

Man mag sich wundern darüber, dass der Bund 600.000 Euro im Jahr für ein Computerprogramm mit sperrigem Namen ausgibt, anstatt dieses Geld anderweitig in den Sport zu investieren. Doch wenn der DOSB eine kräftige Erhöhung der Fördermittel von aktuell rund 170 Millionen Euro jährlich auf 290 Millionen im Jahr 2020 fordert, muss er damit leben, dass der Bund wissen möchte, wofür diese Mittel ausgegeben werden sollen. Der Aufwand, um die 151 Fragen gewissenhaft zu beantworten, mag hoch sein. Aber wenn dadurch die Vergleichbarkeit von Leistungen optimiert wird und PotAS dazu nutzt, Stärken-Schwächen-Profile zu erstellen, anhand derer sich alle Verbände ausrichten können, ist dieser Aufwand gerechtfertigt. Dass diverse Verbände ihre anfängliche Skepsis mittlerweile in hoffnungsfrohe Erwartung eingetauscht haben, spricht für die Überzeugungskraft und Professionalität der PotAS-Kommission. Und dafür, dass der Sport sich damit abgefunden hat, das vom BMI als alternativlos eingestufte System als Chance zu begreifen.

Das ist ein gutes Zeichen; eine Garantie für das Gelingen der Reform ist es allerdings noch lange nicht. Zu hinterfragen bleibt, ob die Fokussierung auf das Gewinnen von Medaillen der richtige Maßstab ist, um Erfolg zu definieren – einen Zuwachs von einem Drittel an Edelmetall hatte der inzwischen abgelöste Innenminister Thomas de Maizière (CDU) als Ergebnis der Leistungssportreform gefordert. Keine Frage: Die Olympischen Winterspiele in Südkorea im Februar fanden, ebenso wie die aktuell laufenden Paralympischen Spiele, hierzulande auch deshalb so viel Beachtung, weil Deutschland im Medaillenspiegel oben dabei war. Der deutsche Sportfan möchte Siege feiern, diese Erkenntnis ist nicht neu. Und Siege sollten immer das Ziel sein.

Was jedoch auch PotAS nicht einbezieht, ist Sportbetrug wie Doping. Für eine Reihe an Sportarten könnten Finalteilnahmen wie Medaillengewinne gewertet werden, wenn das Bewusstsein dafür geschaffen würde, dass (sauber) dabei sein manchmal doch alles ist, was möglich ist. Es ist richtig, diejenigen Verbände zu belohnen, die mithilfe von PotAS Potenzial und den Willen zur Verbesserung nachweisen können. Eine Fokussierung auf die potenziellen Sieger sollte aber nicht die Vielfalt gefährden, der sich der deutsche Sport zu Recht verschrieben hat. Es braucht keine Reform, um zu erkennen, dass in dieser Vielfalt langfristig das größte Potenzial für die Verankerung des Leistungssports in der Gesellschaft liegt.

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