Meinung
Kolumne

Die Nationalhymne schwesterlich im Mutterland

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Wir haben es lange befürchtet: Nun ist auch das Deutschlandlied in den Fokus des Genderwahns geraten.

Am 5. Oktober 1841 versammelten sich auf dem Jungfernstieg vor Streit’s Hotel Mitglieder der Hamburger Turnerschaft von 1816 sowie der Liedertafel von 1823 und brachten einem Hotelgast, dem badischen Politiker Karl Theodor Welcker (1790–1869), ein Ständchen. Sie sangen zum ersten Mal das „Lied der Deutschen“ („Deutschland, Deutschland über alles“). Eine Kapelle des Bürgermilitärs begleitete die Sänger. Als Melodie wählte sie die Kaiserhymne aus einem Streichquartett von Joseph Haydn („Gott erhalte Franz den Kaiser“).

Den Text hatte August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798–1874), der anwesend war, wenige Wochen zuvor, am 26. August 1841, auf der damals englischen Insel Helgoland in tiefer Sehnsucht nach der deutschen Einheit geschrieben, beseelt von dem Wunsch, dass alle Menschen deutscher Zunge in einem gemeinsamen Staat leben sollten. Reichspräsident Friedrich Ebert erklärte das Deutschlandlied 1922 zur Nationalhymne. Seit 1952 wird bei offiziellen Anlässen nur noch die dritte Strophe gesungen („Einigkeit und Recht und Freiheit“), weil die Aufzählung des früheren deutschen Sprachraums „von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“ nach zwei verlorenen Weltkriegen nicht mehr zeitgemäß und im höchsten Grade missverständlich schien. 1991 wurde die dritte Strophe des Deutschlandliedes offiziell die Nationalhymne der geeinten Bundesrepublik Deutschland.

Wer nun geglaubt hat, dass der Text damit politisch und ideologisch befriedet sei, sieht sich getäuscht. Er hat nicht mit Feministinnen, Aktivistinnen und evangelischen Lesben gerechnet, die auf Kirchentagen „die Saalmikrofoninnen“ feminin personalisieren, Gott zur Göttin machen und die ergreifenden Verse deutscher Lyrik, Matthias Claudius’ „Abendlied“ („Der Mond ist aufgegangen“), rücksichtslos entmännlichen. Neuerdings setzen manche Gleichstellungsbeauftragtinnen noch einen obenauf und vergehen sich an der deutschen Sprache. Das mag provinziell lächerlich sein wie in Elmshorn, wo die Inhaberin besagten Amtes das städtische Rednerpult in „Redepult“ umbenennen wollte, das erreicht jedoch andere Dimensionen, wenn die Gleichstellungsbeauftragte im Familienministerium dafür wirbt, die Nationalhymne zu gendern. Selbstverständlich – warum sind wir nicht selbst darauf gekommen! – ist der Ausdruck „Vaterland“ eine Diskriminierung der Mutter, aber „Mutterland“ passt auch nicht so recht. Also schlägt die offensichtlich unterbeschäftigte Dame „Heimatland“ vor, obwohl das Wort „Heimat“ sonst in diesen Kreisen eine semantische Allergie auszulösen pflegt.

Und dann wäre da noch die Zeile „brüderlich mit Herz und Hand“ – „brüderlich“ geht gar nicht, „schwesterlich“ aber auch nicht. Also empfiehlt unsere Kämpferin wider alles Maskuline „couragiert“, wenn auch fern germanischer Erbwörter. Um es deutlich zu sagen: Couragiert ist weniger couragiert als schlichtweg dämlich (dieser Ausdruck kommt von niederdeutsch demelen, was „dumm, einfältig, nicht recht bei Sinnen sein“ bedeutet).

Vielleicht könnte der Bundespräsident amtlich die zweite Strophe des Deutschlandliedes freigeben. In der stehen die Frauen nämlich allein an erster Stelle: Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang, sollen in der Welt behalten ihren alten schönen Klang. Ich fürchte nur, dass sich die Kämpferinnen in Berliner Bundesministerien auch an der Seite von Weib, Wein und Gesang nicht wohlfühlen werden.

Hoffmann von Fallersleben hat auch das Kinderlied „Ein Männlein steht im Walde“ geschrieben, dessen Entmannung auf große Schwierigkeiten stoßen wird. Ein Fräulein steht im Walde? Unmöglich! Die Bezeichnung „Fräulein“ befindet sich auf dem Index, und die Nachsilbe -lein ist ohnehin stigmatisiert (neuerdings „Geflüchtete“ statt „Flüchtlinge“). Damit keine Missverständnisse entstehen: Ich liebe das Weibliche und vor allem die Frauen, aber ich kann dieses dumme und dämliche (Begriffserklärung oben) Verwechseln von Genus und Sexus, von grammatischem und natürlichem Geschlecht in unserer Muttersprache, nicht mehr hören.

deutschstunde@t-online.de

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