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Kommentar

Grippewelle: Versagen bei Kassen und Politik

Der Autor ist stellvertretender Leiter des Onlineressorts beim Hamburger Abendblatt

Der Autor ist stellvertretender Leiter des Onlineressorts beim Hamburger Abendblatt

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Wie das Gesundheitssystem viele Deutsche krank machte.

Die Grippe kommt in Wellen, deshalb heißt es „Grippewelle“. Die Hochphase ist in Hamburg gerade erreicht. Sie wird auch begünstigt vom erst warmen, dann eiskalten Wetter, vom Gedränge in Bussen und U-Bahnen, vom engen Mit­einander in Kitas, Schulen und Heimen – aber eben leider auch vom Unvermögen in unserem Gesundheitssystem.

Kann man gehäuft auftretende schwere Infektionen Einzelner wirklich den Politikern und Verantwortlichen in Gremien und Krankenkassen anlasten? Man kann. Hier sind die Gründe:

Die Kassen haben vor dem Winter mit den Pharmafirmen umfangreiche Rabatte für einen Dreifachimpfstoff vereinbart. Der war 5 Euro pro Patient günstiger als der Vierfachimpfstoff, der noch in diesen Tagen verabreicht wird, um das jetzige Ausmaß der Grippewelle im Zaum zu halten.

Man hätte anhand der in Australien verheerend verlaufenen Grippesaison wissen können, dass man besser impfen kann, als man es dann häufig tat. Dass man eindringlicher hätte warnen müssen. Auch in Hamburg ereilte die Grippe trotz Impfschutzes viele Patienten, die ohnehin durch Bluthochdruck oder Diabetes geschwächt sind.

Und was tun die Verantwortlichen in Deutschland? Sie mahnen Erkrankte per Brief, dass die weltweit längst als „Aussie flu“ bekannte Viruswelle den schlafmützigen Behörden angezeigt werden muss. Jeder Erkrankte habe sich beim Gesundheitsamt zu melden, sonst drohen 250 Euro Ordnungsstrafe.

Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) lässt erst mitteilen, es gebe keine Grippewelle. Auf Nachfrage des Abendblatts vor zwei Wochen spricht sie dann von Fällen im „üblichen statistischen Schwankungs­bereich“. Ein Hohn für die Erkrankten!

Warum wurden die Krankenkassen nicht gedrängt, den Vierfachimpfstoff einzukaufen? Die Politik mischt sich doch sonst mit allerlei Gesetzen und Verordnungen ein. Warum schwieg das Bundesgesundheitsministerium?

Die Krankenkassen geben Millionen für Prävention in x Bereichen aus. Und nichts wirkt gegen die vorhersehbare Grippewelle? Gerade erst wurde öffentlich: Alle gesetzlichen Kassen haben 2017 ihren Gesamtüberschuss auf 3,15 Milliarden Euro verdoppelt.

Die zusätzlichen Herzinfarkte, die Toten, der volkswirtschaftliche Schaden – diese Grippewelle sollte Anlass zum Umdenken geben. Ärzte hatten gewarnt und sehen sich jetzt bestätigt. Viele Krankenkassen haben nachgebessert und bezahlen immerhin nun den wirksameren Impfstoff. Und die Politik? Kopf einziehen und auf Frühling hoffen.