Meinung
Meine wilden Zwanziger

Hallo Smartphone, mir ist langweilig

Annabell Behrmann (25) ist Volontärin des Abendblatts

Annabell Behrmann (25) ist Volontärin des Abendblatts

Foto: Andreas Laible / HA

Warum sitzen wir wie Zombies in der Bahn und starren auf das Handy? Haben wir das Nichtstun verlernt?

Es gibt da einen gruseligen Film mit Nicole Kidman: In „Invasion“ nisten sich Aliens in die Gehirne der Menschen ein. Diese verlieren jegliche Emotionen und verhalten sich wie Roboter. Die Seuche hat sich auf mehreren Kontinenten ausgebreitet. Sie ist kaum noch aufzuhalten. Dramatisch. Jedes Mal, wenn ich morgens mit der U-Bahn zur Arbeit fahre, muss ich an den Science-Fiction-Thriller denken.

Denn: Wie emotionslose Zombies starren 90 Prozent der Fahrgäste auf ihre Smartphones. Wer ihnen gegenübersitzt, interessiert sie nicht. Sie sind ohnehin lieber ungestört und verkriechen sich absichtlich in eine leere Ecke. Bis auf das nervige Piepen der schließenden Türen nehmen sie die reale Welt kaum noch wahr.

Ein Alltagsbeispiel: Gestern saß neben mir auf einer Zweierbank eine junge Studentin. Ihre Kopfhörer lagen wie ein Lärmschutz auf den Ohren. Wie Aliens aus besagtem Film – der in der Version von 1978 übrigens „Die Körperfresser kommen“ heißt – scrollten wir uns durch die sozialen Netzwerke um die Wette. Klar, ein prima Zeitvertreib.

In solchen Momenten versuche ich mich daran zu erinnern, wie das Leben ohne Smartphone funktioniert hat. Auch wenn meine Generation gern als „Digital Natives“ bezeichnet wird (Personen, die in der digitalen Welt aufgewachsen sind), kenne ich als Kind der 90er die Zeit ohne Internet. Für meine Biologie-Hausaufgaben habe ich in der Unterstufe noch Lexika gewälzt, für Referate Bücher ausgeliehen, und bis zum Abitur hat der Klassenlehrer einen Unterrichtsausfall noch per Telefonkette verbreitet. Wie oldschool ist das denn?

Stattdessen gründen Lehrer heute mit ihren Schülern gemeinsame WhatsApp-Gruppen. Referate gibt es kostenlos bei Google. Und Präsentationen werden nicht mehr mit dem staubigen Overheadprojektor, sondern am interaktiven Smart-board gehalten.

Das Handy ist zum Langeweile-Killer geworden. Dieses Gefühl ist uns mit der Digitalisierung längst abhandengekommen. Besteht auch nur die leiseste Gefahr zur Langeweile, greifen wir zum Smartphone. Wenn wir im Restaurant essen gehen und unser Gesprächspartner für fünf Minuten auf die Toilette verschwindet, checken wir schnell unser E-Mail-Postfach. Finden wir das Fernsehprogramm öde, spielen wir eine Runde „Candy Crush“. Und sogar die Sitzungen auf dem stillen Örtchen halten einige nicht ohne ihr Handy aus. Wie gut, dass es inzwischen wasserfeste Geräte gibt – dann können wir künftig auch unter der Dusche SMS verschicken.

Ernsthaft: Wann war uns eigentlich das letzte Mal richtig langweilig? Haben wir das Nichtstun verlernt? Und warum, verdammt, können wir die Finger nicht vom Smartphone lassen?

Saee Paliwal von der Technischen Hochschule Zürich vergleicht die Nutzung von Social-Media-Apps mit Glücksspielautomaten. Genau wie bei den Maschinen aktualisieren sich Facebook, Instagram & Co., wenn wir den Nachrichtendienst mit einem Finger nach unten ziehen. Neue Runde, neues Glück!

Dabei wird das Hormon Dopamin ausgeschüttet. Angeblich ruft jedes Entriegeln des Handys ein Glücksgefühl in uns hervor. Neue Mitteilungen und positives Feedback auf unsere in den Social-Media-Apps hochgeladenen Fotos machen uns süchtig. Jedes „Like“ fühlt sich wie drei gleiche Symbole am Spielautomaten an. Der Nachteil: Durch das schnelle Glück am Handy verpassen wir die wirklich schönen Momente im realen Leben.

Deswegen sollten wir uns öfter langweilen! Ein bisschen Eintönigkeit fördert nämlich unsere Kreativität. Wer seine Gedanken schweifen lässt, schafft Platz im Kopf für neue Ideen. Und die kommen uns nicht am Smartphone.

Als die Bahn gestern am Jungfernstieg anhielt, sprang meine Sitznachbarin mit den schalldichten Kopfhörern plötzlich auf. „Verdammt!“, rief sie. Dann schlurfte sie auf die andere Seite zum Gleis. Offenbar hatte sie vor lauter WhatsApp-Nachrichten ihre Haltestelle verpasst. Die Körperfresser lassen grüßen.