Meinung
Leitartikel

Das IOC ist in Sachen Doping gescheitert

Doping könnte effektiv bekämpft werden – aber den Willen dazu gibt es nicht.

Vordergründig gibt es 28 Gewinner. Nämlich die russischen Athleten, die vom Internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Genf freigesprochen wurden. Ihre lebenslangen Sperren sind aufgehoben, weil der CAS nicht genug Beweise sah. Und jetzt können sie ihr Startrecht für die Olympischen Spiele in Pyeongchang einklagen.

Verlierer gibt es sehr viel mehr. Einer davon heißt Andi Langenhan, ist ein 33-jähriger Rodler und muss auf die Bronzemedaille von Sotschi 2014 verzichten. Die hatte er nämlich virtuell erhalten, solange der damals Zweitplatzierte Albert Demtschenko aus Russland gesperrt war. Seit Donnerstagmorgen ist er es nicht mehr.

Der prominenteste Verlierer ist auch Deutscher und heißt Thomas Bach. Der Schlingerkurs des IOC-Präsidenten in Sachen Doping und Russland endete im juristischen Treibsand, in den er seinen Verband hineinmanö­vriert hatte. Die eigentlichen Verlierer aber sind der Sport an sich und die sauberen Athleten, von denen es ja durchaus noch ein paar gibt. Aber die kennen es ja ohnehin kaum anders.

Das Urteil der Richter am CAS bedeutet in vielerlei Hinsicht ein Desaster. Aber das Urteil hat auch sein Gutes: Denn spätestens jetzt ist auch dem Letzten klar, dass der Kampf gegen Doping (besser sollte man Kämpfchen sagen), wie er bisher geführt wurde, endgültig gescheitert ist. Das liegt nicht an den Richtern, die Urteile sind völlig korrekt – es gibt juristisch nun einmal keine Kollektivschuld. Und für einen individuellen Schuldspruch braucht es eindeutige Beweise, die offensichtlich nicht erbracht werden konnten. Wirklich schuldig gesprochen wurden das IOC und die internationalen Sportfachverbände, denen es nie darum ging, Doping wirklich effektiv zu verhindern. Sie wollten immer nur einen (für Sponsoren, TV-Stationen und Fans) überzeugenden Schein-Kampf inszenieren. Sonst hätte es nach den erdrückenden Beweisen über das staatliche Dopingsystem einen Komplettausschluss der Russen gegeben, der durchaus möglich gewesen wäre – ohne Startrecht für Einzelne. Aber Thomas Bach wollte den mächtigen russischen Präsidenten Wladimir Putin eben nicht zu sehr erzürnen. Mit dem Ergebnis, dass auch seine Glaubwürdigkeit mittlerweile gegen null tendiert.

Um dem Traum vom sauberen Sport nahezukommen, bedürfte es ohnehin viel radikalerer Maßnahmen. Das IOC und die Fachverbände müssten weltweit strenge Wettkampf- und Trainingskontrollen durchführen und alle Proben für spätere Nachtests einfrieren. Jedes Land, das sich querstellt, müsste von allen internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen werden. Jeder Athlet, der frei von Zweifeln überführt wird, müsste lebenslang gesperrt werden – ohne Ausnahme. Dass dies nicht geschieht, hat natürlich Gründe: Es ist sehr teuer und würde zu politischen Verwicklungen führen. Und natürlich würde so ein Durchgreifen die Wiederwahl jedes Funktionärs gefährden, der es versucht durchzusetzen. Mit anderen Worten: Es wird nie passieren.

In einer Woche beginnen die Spiele. Konsequente Sportfans haben eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Erstens: Selbstbetrug. Sie können einfach die Wettkämpfe verfolgen, Doping aus den Gedanken verbannen und also so tun, als sei alles in Ordnung. Zweitens: nichts sehen, nichts lesen, nichts hören und also so tun, als sei Olympia ausgefallen. Spaß macht beides nicht.