Meinung
Meine Wilden Zwanziger

Werde ich von meinem Smartphone belauscht?

Annabell Behrmann, Volontärin

Annabell Behrmann, Volontärin

Foto: Andreas Laible / HA

Ich unterhalte mich über einen Joghurt – und kurz darauf ploppt Werbung für ihn auf. Verrückt. Und wohl kein Zufall.

Vor ein paar Tagen erzählte mir ein Kumpel von einem peinlichen (aber ebenso lustigen) Erlebnis bei der Arbeit: Ein älterer Kollege aus der Controllingabteilung des Unternehmens ärgerte sich über die Werbeanzeigen auf seiner Facebook-Startseite. „So eine Schweinerei!“, schimpfte er. „Wird bei euch auch Reklame für Pornofilme geschaltet?“, fragte er seine männlichen Mitarbeiter schockiert im Großraumbüro. Sie schüttelten grinsend die Köpfe.

Denn sie wussten: Die Werbung in den sozialen Netzwerken ist personalisiert und richtet sich nach den Interessen des Nutzers. Social-Media-Dienste wie Facebook, Instagram und Twitter sammeln Daten über jegliche Internetbesuche auf anderen Webseiten (ja, auch auf YouPorn), registrieren Suchanfragen bei Google und ermitteln die Standorte.

Eben noch im Onlineshop – schon bei Facebook

Surfen wir in Onlineshops, werden uns die kürzlich angeklickten Schuhe, Uhren oder Trainingsjacken in der Werbespalte bei Facebook erneut auf dem Silbertablett serviert. Damit wir bloß nicht vergessen, sie zu kaufen. Wie praktisch. Danke. An dieses Phänomen haben sich die meisten Nutzer längst gewöhnt.

Doch ein anderer Verdacht tritt immer häufiger auf: Menschen stellen fest, dass ihnen Werbung für Produkte angezeigt wird, über die sie mit Freunden gesprochen haben – aber sie nicht zuvor im Internet googelten. Unheimlich. Ähnliche Erfahrungen habe ich auch bereits gemacht. Es ist noch nicht lange her, dass ich mich mit meiner Mutter über einen Erdbeerjoghurt ohne Fruchtstücke in unserem Kühlschrank unterhalten habe (ja, ein spannendes Thema). Ein paar Tage später wurde mir auf Facebook plötzlich genau dieser Joghurt von derselben Marke präsentiert. Verrückt! War das nur ein Zufall?

Beim Sneaker-Kauf abgehört?

Ein weiteres Beispiel: Vor einigen Monaten habe ich mir in einem Schuhgeschäft in der Hamburger Innenstadt neue Sneaker gekauft. Wieder zeigte mir Social Media unmittelbar danach exakt dasselbe Paar in einer bunten Farbpalette an. Wie kann das sein? Werden wir von unserem Smartphone belauscht? Oder sogar gefilmt?

Sehr wahrscheinlich ist das so. Laut einem aktuellen Bericht der „New York Times“ zeichnen knapp 1000 Apps ihre Umgebungsgeräusche auf und werten sie zu Werbezwecken aus. Wie das funktioniert? Mithilfe einer Schnüffel-Software des Start-up-Unternehmens Alphonso. Allein im Google Play Store befinden sich knapp 280 Spiele – zum Teil speziell für Kinder –, die Verweise auf das Programm enthalten.

Allerdings: Über das Mikrofon des Smartphones soll angeblich keine menschliche Sprache aufgenommen werden. Dennoch spioniert Alphonso bewusst aus, welche Fernsehsendungen oder Kinofilme im Hintergrund bei uns laufen – egal ob das Handy in der Hosentasche steckt oder in der Hand liegt. Das Start-up kann seinen Geschäftskunden so eine optimierte Anzeige von Werbung garantieren. Dabei wird auch auf unseren Standort zurückgegriffen. Auf den von Alphonso gesammelten Nutzerinformationen bauen Firmen ihr Milliardengeschäft auf. Erschreckend.

Die etwas Übervorsichtigen unter uns, die ihre Kameras auf den Laptops abkleben und Social Media meiden, sind also keinesfalls paranoid. Im Gegenteil. Durch die Digitalisierung wird es immer schwerer, sich vor Hackern zu schützen. Wir werden gläserner als je zuvor. Nicht nur für Geheimdienste, die Terroristen jagen und durchaus nachvollziehbare Gründe haben, Gespräche abzuhören. Sondern vor allem für Unternehmen, die Geld verdienen wollen.

Die Überwachung wird noch weiter zunehmen. Und wir sind selbst schuld. Wir binden uns Fitnesstracker um die Handgelenke, statten uns mit Amazon Echos namens Alexa aus und verwandeln unser Zuhause in ein sogenanntes „Smart Home“. Ein Hoch auf die Technik. Kühlschränke, Spülmaschinen und Staubsauger werden über WLAN mit dem Internet verbunden. Was kann uns noch vor Lauschangriffen schützen? Es bleibt wohl nur die Möglichkeit, den Stecker zu ziehen ...