Meinung
Glosse

Der Stair-Climber – die neue Stufe des Leidens

Die Autorin ist stellvertretende Leiterin des Hamburg-Ressorts

Die Autorin ist stellvertretende Leiterin des Hamburg-Ressorts

Foto: Massimo Rodari

Ein neues Fitnessgerät macht möglich, was man eigentlich um jeden Preis vermeiden möchte: auf der Stelle zu treten.

Manchmal, wenn ich eher weniger als mehr motiviert auf einem Fahrrad in meinem Fitnessstudio sitze, trete und schwitze und trete und, weil ich statt in schöne Landschaften nur geradeaus gegen eine Wand gucken kann, meinen Blick schweifen lasse, stelle ich mir gerne vor, was unsere Vorfahren wohl denken würden, wenn sie uns so sehen könnten. Also die, die selbst noch körperlich gearbeitet und sich nicht den ganzen Tag den Hintern im Bürostuhl platt gesessen haben. Was für ein Anblick muss das sein: lauter kleine Hamster in neonfarbener Funktionskleidung, die auf dem Laufband laufen, ohne einen Schritt voranzukommen, rudern, ohne Land zu sehen – und in die Pedale treten, ohne irgendwas zu bewegen.

Auf die Spitze treibt das nun ein Gerät, das neu in den Fuhrpark der Foltermaschinen aufgenommen wurde: der Stair-Climber. Dieser Treppen-Kletterer sieht aus wie eine abgeschnittene Rolltreppe, deren Stufen jedoch nicht hoch-, sondern herunterfahren, sodass man wunderbar das tun kann, was man in allen anderen Lebenslagen um jeden Preis vermeiden möchte: auf der Stelle zu treten.

Stolpern könnte man vielleicht darüber, dass der Hersteller sein Gerät als „revolutionären Fortschritt“ preist. Und auch das Motto „Über Grenzen hinaus steigen“ sollten Nutzer nicht zu ambitioniert angehen – nach drei Stufen käme dann der Sturz auf den harten Boden der Fitnessstudio-Realität. Lieber hebt der Stair-Climber „das Treppensteigen auf die nächste Stufe in eine neue Erlebniswelt“. So kann man auf einem Monitor über Treppen durch Fantasie-Landschaften steigen. Einziges absehbares Ziel: eine neue Erlebniswelt des Muskelkaters.

Wenn ich mir das so überlege: Stufe um Stufe um Stufe über nicht enden wollende Treppen steigen, die sich wie auf einem surrealistischen Gemälde unendlich weit in den Himmel schrauben – das kommt meinem persönlichen Albtraum ziemlich nah. Dann doch lieber mit dem Fahrrad gegen die Wand.