Meinung
Leitartikel

Übergewichtige Kinder – eine Zeitbombe

Bewegungsmangel führt zu zweistelligen Milliardenkosten im Gesundheitswesen

Bewegungsmangel ist heute eine der häufigsten Ursachen vieler Zivilisationskrankheiten. Unsere Vorfahren kannten derartige Probleme nicht. Noch in den 1890er-Jahren gab es in Hamburg kaum Todesfälle nach Herzinfarkten, ergaben Untersuchungen des Sektionsgutes aus hiesigen Krankenhäusern. 125 Jahre danach sind Schäden des Herz-KreislaufSystems bei fast jedem zweiten Verstorbenen Grund seines Ablebens.

Früher waren wir – ohne Auto – mobil, aßen weit weniger. Obwohl wir jetzt sesshaft sind, ernähren wir uns, als leisteten wir Schwerstarbeit, essen oft zu fett, meist zu zuckerhaltig – allen Warnungen zum Trotz. Konsequenz ist eine vermehrte Insulinausschüttung der Bauchspeicheldrüse. Bei jahrelanger Überbeanspruchung kann daraus Diabetes entstehen, mit erschreckenden Spätfolgen. Etwa alle 20 Minuten sägen Ärzte in Deutschland verfaulte Extremitäten ab, alle 90 Minuten erblindet ein Zuckerkranker.

Jede Form der Körperarbeit, jede Art Muskeltätigkeit mit höherem Energieumsatz vermindert den Insulinbedarf des Körpers, verhindert, dass zu viel Zucker im Blut schwimmt, mittelfristig kleinste Blutgefäße und Adern verstopft. Wer aktiv ist, braucht kaum Insulin.

Bewegung fängt auf Kindesbeinen an. Wer nicht früh genug lernt, seinen Körper zu fördern und zu fordern, wird auch als Erwachsener passiv bleiben, wer als Kind nur virtuell spielt, kommt auch später nicht in die (Spazier-)Gänge. Sind Eltern übergewichtig, sind es ihre Kinder häufig auch. Deshalb sind diese Zahlen alarmierend: 10,1 Prozent der Schul­anfänger gelten in Hamburg als über­gewichtig, fast die Hälfte dieser Kinder leidet unter Adipositas, krankhafter Fettleibigkeit. Hier tickt eine gesundheitspolitische Zeitbombe, die droht, mit ihren unkalkulierbaren Folgekosten unsere Sozialsysteme zu sprengen.

Zweistellige Milliardenbeträge ließen sich im Gesundheitswesen jährlich sparen, investierte der Staat mehr in frühkindliche Bewegung in Kindergärten und Schulen, in die Ausbildung von Erziehern und Lehrern, in den Bau von Bewegungsräumen und Turnhallen. Die tägliche Schulsportstunde sollte längst Pflicht sein, in Hamburg werden nicht einmal drei pro Woche verlässlich gegeben. Und: Fällt Unterricht in sogenannten Hauptfächern aus, schlagen Eltern Alarm, wird die Sportstunde gestrichen, regt sich kein Widerstand. Der Rückgang körperlicher Aktivität in jungen Jahren führt nachweislich zur Minderung der Konzentrationsfähigkeit, zur Verzögerung der geistigen Entwicklung, zu schlechteren schulischen Leistungen. Bewegung macht schlau; wer sitzen bleibt, dürfte auch im Leben schwer vorankommen.

Hamburgs Sportsenator Andy Grote steuert mit dem Programm „ActiveCity“ einen klaren Kurs gegen Bewegungsmangel; ein lobenswerter Ansatz, der bundesweit Beachtung findet. Die Stadt investiert in einem Zeitraum von zehn Jahren mehr als 400 Millionen Euro in den Aus-, Um- oder Neubau von Sportstätten; auch das ist vorbildlich. Gebraucht werden aber ebenso mehr Trainer, Übungsleiter, Lehrer und Erzieher – auch wenn sie zusätzliches Geld kosten –, die Spaß an Sport und Bewegung für jeden Lebensabschnitt angemessen vermitteln. Hier besteht dringend Handlungsbedarf – im Interesse der allgemeinen Gesundheit und solider Staatsfinanzen.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.