Meinung
Deutschstunde

Wider Erwarten wird weiterhin Deutsch gesprochen

Im neuen Jahr klingt unsere Muttersprache nur ein wenig verfremdet und vergendert. Das Ereignis: der Duden!

Auf ein Neues! Das Jahr 2017 ist Vergangenheit, und das Jahr 2018 betrat gestern den Kalender. Der Rückblicke und Ausblicke sind genug gesprochen. Man merkt weniger am Knall der Böller als an der Neujahrsansprache der amtierenden Bundeskanzlerin (so ganz ohne Knall), dass wir schon wieder Silvester haben. Allerdings weiß auch ich auf Anhieb nicht, was für mich das Wichtigste im abgelaufenen Jahr gewesen ist. Zur Auswahl stehen die Othello-Torte bei Niederegger, die dummdreiste Vergenderung deutschen Liedgutes auf dem Kirchentag und die Reformationsfeierlichkeiten, bei denen ich nicht herausfinden konnte, ob es um Luther oder um Margot Käßmann ging.

Des 100. Geburtstags des verstorbenen deutschen Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll ist gebührend gedacht­ worden, während der 200. Geburtstag des ersten deutschen Literaturnobelpreisträgers Theodor Mommsen am 30. November weitgehend unbeachtet vorüberging. Dabei stach Theodor Mommsen 1902 mit seiner „Römischen Geschichte“ bei der Auswahl keinen Geringeren als Leo Tolstoi aus. Mommsen wuchs in Oldesloe auf und ging in Altona aufs Gymnasium. Es sei angemerkt, dass Mommsen als Politiker ein scharfer Gegner Bismarcks war.

Ach ja, fast hätte ich das Ereignis vergessen, dessen Wichtigkeit alles andere und sogar den Bundestagswahlkampf überstrahlte, jedenfalls wenn man an die mediale Aufmerksamkeit und die marktschreierische Propaganda denkt (um den Anglizismus „Ballyhoo“ zu vermeiden): Im August erschien eine neue, die 27. Auflage des Rechtschreibdudens! Dadurch änderte sich glücklicherweise unsere Muttersprache nicht. Sie wurde lediglich ein wenig mit Anglizismen, Feminismen und orthografischem Straßenmüll kontaminiert.

Immerhin fällt auf, dass das „neue Jahr“ immer noch mit kleinem „n“ geschrieben wird, und überraschend viele Leute halten sich daran. Das neue Jahr ist kein Unikat wie die Art der Gemeinen Stubenfliege oder des Fleißigen Lieschens, sondern an jedem Neujahr beginnt ein neues Jahr, und zwar jedes Mal ein anderes. Nur Unikate sind Eigennamen und dürfen großgeschrieben werden. Dieser Ansicht ist auch die Dudenredaktion, allerdings nur unter dem Stichwort „Jahr“ („das neue Jahr“), nicht jedoch unter dem Stichwort „neu“ („das neue od. Neue Jahr“).

Lassen Sie sich nicht verwirren! Der Duden betätigt sich zunehmend als orthografischer und stilistischer Müllsammler, dem kein sprachlicher Abfall entgehen soll, der sonst exklusiv in einem anderen Wörterbuch stehen könnte. Dabei geht es allerdings nur darum, das Falsche richtig zu schreiben, nicht aber, das Richtige für falsch zu erklären. Das ist so, als würde ein Drei-Sterne-Restaurant Döner aus Gammelfleisch auf die Speisekarte setzen, weil es den schließlich auch in der Bude an der Ecke gibt, sich aber weigern, selbst ein solches Gericht zu servieren.

Das Gleiche gilt für die unausrottbare, aber knirschend falsche Form „gewunken“. „Der Linienrichter hat Abseits gewunken“ – nein, zum … [Ausdruck gestrichen], der Linienrichter hat gewinkt, wir haben Oma zum Abschied zugewinkt, und das Mädchen hat mit dem Taschentuch gewinkt. Hier handelt es sich nicht um eine akzeptable Sprachentwicklung, sondern um die korrekte Flexion schwacher Verben. Die heißt bei winken nun einmal winken, winkte, gewinkt und nicht „winken, wank, gewunken“. So viel sprachliche Korrektheit sollte sich jeder leisten, bevor ihm die Grammatik „gewunken“ hat. Und was finden wir im Duden? winken; gewinkt (häufig auch gewunken). „Häufig auch“ treffen wir auf dämliche Eintragungen, die die Häufigkeit bei der Anwendung nicht existenter Formen bestimmt steigern werden.

Ich drohe mich in Rage zu schreiben. Deshalb nur so viel: Falls ich in der „Tagesschau“ und besonders im ARD-Text noch ein einziges Mal „nahe des Tatortes“ statt richtig „nahe dem Tatort“ höre oder lese, schalte ich den Bildschirm ab. Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm warnt vor Programmkürzungen aus Geldmangel. Kleiner Tipp an den Herrn Intendanten: Korrektes Deutsch kostet nichts!

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