Meinung
Zwischenruf

Die verpasste Flucht – ein Geständnis

Können Sie schweigen? Mir hoch und heilig versprechen, dass Sie mich nicht verpetzen? Dann kann ich diese Geschichte erzählen.

Sie müssen wissen, dass seit ein paar Jahren Meerschweinchen zu unseren Mitbewohnern zählen. Sie leben im Garten, manchmal denke ich, sie werden mehr umsorgt als ich. Heiligabend entzündete unsere Tochter eine Kerze vor ihrem Stall, fütterte sie mit Leckerlis. Dann fuhr sie mit ihrem Bruder und Mama zur Oma ins Rheinland. „Bitte denk an meine Kleinen“, sagte sie beim Abschied. Mich erinnerte das an die Szene aus Western, wo der Rancher seine schwieligen Hände auf die schmalen Schultern seines Ältesten legt und brummt: „Ich reite für lange Zeit fort. Du musst jetzt die Familie beschützen.“

Und niemand kann behaupten, ich würde mich nicht kümmern. Jeden Morgen schrubbe ich die Wasserschale, schnippel Paprika und Gurken. Auch gestern Abend galt nach der Arbeit mein erster Blick den Meerschweinchen. Ich bekam den Schock meines Lebens. Die Käfigtür stand so weit auf wie das HSV-Tor bei Gastspielen in München – ich hatte das Schloss nicht richtig arretiert. Vor meinem geistigen Auge sah ich die fette Katze, die gelegentlich durch unseren Garten streift, zufrieden schnurrend nach einem Festmahl. Und das nicht versiegende Tränenmeer meiner Tochter.

Als ich noch überlegte, ob familiäre Verbannung als Asylgrund im befreundeten Ausland taugt, hörte ich das vertraute Quieken. Die beiden Kleinen hatten den Ruf der Freiheit verschmäht. Voller Dankbarkeit stopfte ich eine Wochenration Futter in den Käfig.

Meiner Frau habe ich das Malheur gebeichtet. Sie glaubt, dass die Kleinen aus lauter Angst lieber im Käfig geblieben sind. Ich sehe das anders. Die beiden wollten mich nicht im Stich lassen.

Auch Meerschweinchen haben Gefühle.

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