Meinung
Gastbeitrag

Die deutsche Realität hat sich verändert

Antisemitismus aus arabischen und islamistischen Kreisen muss entschlossener bekämpft werden.

Gerade mal drei Generationen sind seit dem schlimmsten Völkermord in der Geschichte der Menschheit vergangen. Deutschland ist heute ein anderes Deutschland. Die Deutschen haben aus der Vergangenheit gelernt. Das dachte ich zumindest, während ich in den ­80ern und 90ern in Berlin aufwuchs. Ich war der Ansicht, dass der weit verbreitete Judenhass in der arabischen beziehungsweise muslimischen Gemeinde Deutschlands "ein anderer Antisemitismus" sei, womit "der Deutsche" eigentlich nichts am Hut hat. Nein, "der Deutsche" ist gegen Judenhass! "Der Deutsche" ist gegen Antisemitismus! "Nie wieder Täter" – das hat die Nachkriegsgeneration sich und dem neuen Deutschland geschworen.

Mit 14 saß ich nach der Schule am U-Bahnhof Pankstraße im Herzen von Berlin-Wedding. Ich war neu im Bezirk und hatte noch nicht so viele Freunde, aber Sahin, ein Deutschtürke, war einer von ihnen und saß an meiner Seite. Wir schrieben das Jahr 1991, fast '92, und es waren Tage der Annäherung zwischen den Palästinensern und den Israelis. Es waren die Tage der Osloer Friedensgespräche. Aber was hatte ich mit Israel und Oslo zu tun? Nichts!

Nur mit Palästinensern hatte ich enorm viel zu tun, denn sie stellten eine große Gruppe dar im Wedding und standen plötzlich vor mir, am U-Bahnhof Pankstraße. Es waren etwa zehn Männer im Alter von 17 bis 20. Ihr Anführer hielt eine Packung Erdbeeren in der Hand, baute sich vor mir auf und sagte mir im Befehlston: "Jude, mach den Mund auf!" Ich war entsetzt. Auch Sahin wusste nicht zu reagieren.

Kurz darauf schrie er mich erneut an. "Jude, mach dein dreckiges Maul auf!" Ich hatte Angst und machte den Mund auf. Er stopfte mir eine Erdbeere in den Mund und sagte "Friss, Jude, friss!" Ich spuckte sie aus und fragte, was das denn solle, was ich ihnen getan hätte? Von hinten kam ein anderer Palästinenser nach vorne, gab mir eine enorme Backpfeife und schrie mich an: "Jude, verpiss dich aus unserem Bezirk."

Mein Kopf zerplatze fast von der Wucht der Backpfeife. Der junge Mann war Amateur-Boxer. Ich fühlte mich öffentlich und vollkommen grundlos misshandelt und gedemütigt. Die Gruppe ging lachend weg. Es waren die Jungs der PLO-Gang.

Ich war damals fest davon überzeugt, dass das nicht mein Geburtsort Deutschland ist. Es waren radikalisierte, aggressive, ungebildete junge Männer, die nichts anderes im Sinn hatten, als alle um sie herum in Angst und Schrecken zu versetzen. Sie hatten nichts anderes, und sie waren eine krasse Minderheit in Deutschland. Das stimmte Anfang der 90er-Jahre.

Mittlerweile sind wir mit einem Fuß im Jahr 2018, und die deutsche Realität hat sich verändert. Heutzutage stellen Muslime keine krasse Minderheit mehr dar. Sie sind insbesondere in den Großstädten sehr stark vertreten. Türken, Kurden, Libanesen, Palästinenser, Afghanen, Syrer, Irakis und Iraner. Und leider gibt es unter ihnen sehr viele, die Judenhass mit der Muttermilch (und dem Schlagstock des Vaters) aufsaugen. Es hat mich deshalb nicht verwundert, als vor Kurzem auf deutschen Straßen wieder Davidsterne offen verbrannt wurden – verbrannt von radikalisierten Muslimen, die "Tod Israel" gebrüllt haben auf Protestdemonstrationen gegen die Entscheidung der US-Regierung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen.

Mittlerweile verwundert es mich allerdings, dass Deutschland die Radikalen gewähren lässt. Dass Deutschland ihnen keine klaren Grenzen setzt. Dass Deutschland, das ja aus der Vergangenheit gelernt hat, kaum ein ethisches Problem damit hat, wenn Davidsterne öffentlich in der Hauptstadt verbrannt werden, von Deutschen, ja, Deutschen, denn ein Großteil von "den netten Männern von der Pankstraße" leben nun einmal seit zwei, wenn nicht drei Generationen in Deutschland.

Deutschland würde insbesondere sich selbst einen großen Gefallen tun, wenn es nicht nur rechten Antisemitismus, sondern auch arabischen beziehungsweise islamistischen Judenhass bekämpft. Falls nicht, wäre das Zeitalter des "Nie wieder Täter" vorüber. Deutschland wäre heute wieder ein anderes Deutschland.

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