Meinung
Leitartikel

Beendet den Handelskammer-Streit

Präses Tobias Bergmann bietet Dialog an – nun muss er zeigen, dass er es ernst meint.

Sie wurde mit Spannung erwartet, die Rede des neuen Präses der Handelskammer vor der Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns. Um es vorwegzunehmen: Inhaltlich war der einstündige Vortrag von Tobias Bergmann in Ordnung. Nicht mehr, nicht weniger. Es ging um den Hafen, die Digitalisierung, den Wissenschaftsstandort und die Frage, wie Hamburgs Wirtschaft stärker wachsen kann. Streicht man wenige Sätze aus dem inhaltlichen Teil heraus, so hätte auch ein früherer Präses die Rede guten Gewissens halten können. Bergmann ist nicht übermäßig angeeckt – weder in der lokalen Politik noch in der Wirtschaft. Und er hat dennoch den einen oder anderen diskussionswürdigen Impuls gegeben.

Anecken wollte Bergmann – zumindest diesmal – ohnehin nicht. Denn Porzellan zerschlagen, das haben der neue Präses und seine Mitstreiter, die seit April die Handelskammer führen, in den vergangenen Monaten schon ausreichend. Das Kassieren des utopischen Wahlversprechens, die Pflichtbeiträge bis 2020 abzuschaffen; der unwürdige und teure Abgang des früheren Hauptgeschäftsführers sowie der interne Streit über dessen Nachfolge; das Chaos rund um die Frage, ob die Handelskammer aus der IHK Nord austreten soll oder nicht. Dies sind nur drei von vielen Kapriolen, über die große Teile der lokalen Wirtschaft zu Recht nicht einmal mehr lachen konnten.

Doch seit wenigen Wochen hat man den Eindruck, dass auch Bergmann selbst keine Lust mehr auf das Chaos der ersten Monate nach der "Revolution" im Frühjahr hat. In einem durchaus selbstkritischen Abendblatt-Interview räumte er offen Fehler ein und gab sich die Schulnote 3 für die bisherige Arbeit als Präses – für sein ausgeprägtes Ego ein doch eher bescheidenes Zeugnis. In der Rede im altehrwürdigen Börsensaal ging er nun auf seine Kritiker zu, bot ihnen den Dialog an und warnte davor, dass die Hamburger Wirtschaft sich wegen der aktuellen Querelen nicht spalten lassen dürfe.

Die schlechte Nachricht vorweg: Hamburgs Wirtschaft ist längst gespalten. Wenn nicht nur frühere Präsides, sondern auch viele hochrangige Manager der Stadt der Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns fernbleiben, mit dem Verweis auf die aus ihrer Sicht inakzeptable Arbeit der neuen Kammerführung, so zeigt dies die tiefe Kluft in der Unternehmerschaft. Aber die gute Nachricht lautet: Es besteht Hoffnung, dass die Gräben zugeschüttet werden können. Im Interesse der Hamburger Wirtschaft wäre dies wünschenswert. Denn die breite Mehrheit der 160.000 Mitgliedsfirmen interessieren die persönlichen Animositäten zwischen aktuellen und ehemaligen Würdenträgern ihrer Kammer – wenn überhaupt – nur am Rande. Sie wollen eine starke und funktionsfähige Vertretung ihrer Belange, die sich nicht im persönlichen Klein-Klein aufreibt.

Bergmann muss nun liefern. Er sollte den zum Teil sinnvollen und notwendigen Umbau der Kammer vorantreiben. Aber er darf bei seinem Neubauprojekt nicht das jahrhundertealte Fundament zerstören. Auch die Arbeit seiner Vorgänger verdient Respekt und Anerkennung. Die "Hoppla, jetzt komme ich und kann alles besser"-Mentalität muss der Vergangenheit angehören. Zuhören, miteinander reden und dann im Interesse der Wirtschaft und der vielen Kammermitarbeiter handeln – das sollte der Leitspruch der neuen Führung am Adolphsplatz für 2018 sein. Präses Bergmann könnte das schaffen; schaut man auf einige seiner Mitstreiter, so überwiegen die Zweifel.

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