Meinung
Kolumne

Der Härtetest für jede Beziehung

„Ich habe keine Lust mehr“, sagt mein Freund und will aufgeben. Doch dann kommt der rettende Engel.

„Lass uns verschwinden!“, schnauft mein Freund, springt vom Hocker auf und zieht seine Jacke an. Seine Augen suchen ein letztes Mal die Gänge ab. Weit und breit ist kein freier Mitarbeiter in dem Labyrinth aus Pax-Kleiderschränken zu entdecken. Wie hungrige Aasgeier kreisen mindestens fünf Kunden um jeden gelb uniformierten Helfer herum. „Wir ziehen das jetzt durch“, schimpfe ich. Die Nerven liegen blank.

Mein Tipp: Wer wissen will, wie intakt seine Beziehung ist, sollte unbedingt an einem Sonnabend bei Ikea Möbel für seine Wohnung kaufen. Seit 30 Minuten hocken wir ratlos vor einem leeren Monitor. Angeblich kann sich jeder Kunde am Computer seinen Kleiderschrank individuell zusammenstellen. Pustekuchen. Wir haben weder eine Tischlerlehre absolviert noch Informatik studiert. Wir sind hoffnungslos verloren.

Eine Flut an Fragen überrollt uns. Welche Türen soll der Schrank haben? Wie viele Schubladen brauchen wir? Müssen die Scharniere gedämpft sein? Und welche verdammte Farbe sollen die Griffe haben? Wie im Glasirrgarten auf dem Hamburger Dom rennen wir durch die Ausstellung, öffnen jede Schranktür und bestaunen mindestens 50 verschiedene Varianten des Innenlebens. Dann setzen wir uns zurück an den Computer. Und stehen wieder auf. Das Prozedere wiederholen wir zehnmal. So lange, bis wir eine vage Vorstellung von dem haben, was wir wollen.

Schön und gut. Das ist schon mal ein Anfang. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass wir Technikbanausen es schaffen, unseren Wunschschrank mit dem Programm nachzubauen. Jedes einzelne Teil muss mit der Maus in der richtigen Höhe eingesetzt werden. Zumindest in der Theorie. Auf unserem Bildschirm reihen sich leere Korpusse aneinander. Schubladen und Türen fehlen. Und eine Kleiderstange hängt nur wenige Zentimeter über dem Boden. Verflucht!

Mir läuft der Schweiß über die Stirn. „Ich habe keine Lust mehr“, grummelt mein Freund in sich hinein. „Das habe ich noch gar nicht bemerkt“, erwidere ich ironisch. Zugegeben: Unsere Geduld hängt am seidenen Faden. Zweieinhalb Stunden in dem blauen Schuhkarton in Schnelsen liegen zu diesem Zeitpunkt bereits hinter uns. Immerhin ein Bett, eine Matratze, ein Sideboard und einen TV-Schrank können wir von unserer Einkaufsliste für die neue (und noch leere) Wohnung streichen. Check. Der Kleiderschrank ist unsere vorerst letzte Mission. Und die härteste.

Ikea ist ein Phänomen. Wer eigentlich nur schnell Duftkerzen, Topflappen und Servietten kaufen will, verlässt den Parkplatz am Ende des Tages mit einem vollen Kofferraum. Laut Statistikportal Statista hat das schwedische Möbelhaus im Geschäftsjahr 2017 einen weltweiten Umsatz von 36,3 Milliarden Euro gemacht. Zum Vergleich: Im Jahr 2007 waren es „nur“ 20 Milliarden Euro.

Deutschland ist dabei Ikeas wichtigster Absatzmarkt. Mit insgesamt 4,87 Milliarden Euro haben die Deutschen einen Anteil von rund 15 Prozent am Gesamtumsatz des Konzerns. Das wundert mich bei den Menschenmassen, die sich in den Musterzimmern an Billy, Ingolf & Co. vorbeischieben, überhaupt nicht.

Wie ein Engel zur Weihnacht erscheint plötzlich vor unserer Nase ein Mitarbeiter. Der gelbe Retter baut innerhalb weniger Minuten am Computer unseren Schrank zusammen. Respekt. Ich bin mir sicher: Wir sind nicht das erste verzweifelte Paar mit Schweißausbrüchen, dem er helfen musste.

Mein Körper ist erschöpfter als nach einem Punktspiel beim Tennis. „Bloß weg hier!“, sage ich. Wir marschieren durch die Kleinkramabteilung. Nichts kann uns aufhalten. Nicht einmal Duftkerzen. Der Ausgang in die Freiheit ist nur wenige Meter entfernt. Unser großes Glück: Die Möbel werden in ein paar Wochen angeliefert. Sonst hätten wir im Lager noch Schrauben, Bretter und Türgriffe suchen müssen. Ein Albtraum.

Nach viereinhalb Stunden verlassen wir fix und fertig Ikea. Unsere Geduld reicht nicht einmal mehr für einen Hotdog – und das soll etwas heißen. Dafür hat unsere Beziehung ihre erste Probe gemeistert. Ich freue mich schon aufs Aufbauen ...