Meinung
Auf den Hund gekommen

Solo in der Stadt unterwegs – muss das sein?

Matthias Schmoock mit seiner Labradoodle-Hündin Frieda

Foto: Klaus Bodig / HA

Matthias Schmoock mit seiner Labradoodle-Hündin Frieda

Manche Hunde sind ohne Frauchen oder Herrchen auf Achse. Für Frieda und mich wäre das nichts.

Hamburg. Leuchtwesten für Herr und Hund, reflektierende Leinen. Sie, liebe Leser, hatten nach der letzten Frieda-Kolumne allerlei gute Tipps für regnerische Dämmerspaziergänge. Was ist von einem blinkenden Halsband (für Frieda) zu halten? Leserin Inger riet zur Vorsicht: "Das verschwindet gerne im wuscheligen Fell oder in den Halsfalten und wird von Autofahrern eher nicht wahrgenommen", schrieb sie. Alles klar.

So oder so: Beschwerlich sind diese Matschspaziergänge für uns zwei nach wie vor. Umso erstaunlicher finde ich es, dass einige Hunde offenbar dauerhaft ganz alleine unterwegs sind. Bei einem meiner Stopps im Park ist mir kürzlich so ein witziger Kerl aufgefallen, den ich seitdem immer mal beobachte. Erst hatte dieser Rüde, wohl ein Labrador-Mix, mit einer größeren Hundeclique herumgetobt. Als sich dann alle zum Aufbruch anschickten, fragte ich, zu wem das namenlose Tier denn nun gehöre. "Och der", erklärte mir ein Senior vergnügt, "der kommt immer alleine her und geht auch wieder alleine."

Für erfahrene Hundehalter mag das ja eine Selbstverständlichkeit sein, aber mich hat diese Geschichte ziemlich geplättet. Wie ich inzwischen gehört habe, setzt sich dieser Hund auch an den Straßenrand, schaut abwechselnd nach links und rechts und geht erst rüber, wenn kein Auto mehr kommt. Offenbar geht er sogar auf verschiedenen Wegen durch "seinen" Stadtteil, was ja nicht mal manchen Menschen gelingt. Erstaunlich. Ob der wohl auch rote und grüne Ampeln unterscheiden kann? Und vielleicht "erkennt" er sogar die Zeit am Schlagen der Kirchturmuhr.

Einmal sind wir ihm schon gefolgt, aber er hatte so ein Tempo drauf, dass die deutlich kleinere Frieda irgendwann nicht mehr mithalten konnte. Vielleicht war ihr dieses Musterexemplar auch zu angeberisch.

Das Thema machte mich neugierig, und ich startete eine kleine Umfrage im Bekanntenkreis. Ein Kumpel erzählte, dass sich sein "hochintelligenter" Mischling beim Einkaufsbummel mit Herrchen immer schnell gelangweilt habe (kann man ja auch verstehen) und dann oft alleine heimgegangen sei, wo er offenbar stundenlang vor der Haustür wartete. Erst viel später hat dieser Mann übrigens herausgefunden, dass der Stromer auf dem Rückweg immer bei diversen Lebensmittelhändlern Pause machte, die ihn mit Leckereien versorgten. Das Tier war offenbar also wirklich schlau. Ein anderes Herrchen hatte seinen Jack Russell Terrier immer mit in die Kneipe geschleppt, ihn irgendwann vor die Tür gebracht und "Geh nach Hause" gesagt. Auch dieses Tier wartete lange vor dem Wohnhaus, oft bis morgens, tief und fest schlafend.

Ich muss gestehen, dass ich diesen Umgang mit dem eigenen Vierbeiner sehr zwiespältig sehe. Einerseits ist es beachtlich, dass einige Halter ihre Hunde offenbar so erziehen können, dass die sich ganz autark und sicher im Großstadtgewimmel zurechtfinden. Andererseits sehe ich da aber auch eine gewisse Kaltblütigkeit, die mir beim Umgang mit Frieda total fehlt. Kann ja sein, dass sie in ein paar Monaten (Jahren?) auch mal ohne Leine neben mir her spaziert, aber alleine würde ich sie auch dann nie losziehen lassen. Ein Hund bleibt ja immer auch ein Jäger, hat mir eine Hunde­expertin mal erläutert, und sein Jagdinstinkt könne jederzeit geweckt werden. Was, falls ein Kaninchen oder Eichhörnchen seinen Weg kreuzt? Und wer ruft den Hund zurück, wenn er beispielsweise ein Kind oder eine Seniorin anspringt, um zu spielen? Er könnte auch gestohlen werden oder Giftiges fressen.

Abgesehen von diesen eher sachlichen Überlegungen unterscheidet mich auch noch etwas anderes von diesen coolen Herrchen. Amüsieren Sie sich ruhig, aber ich würde, wohl auch noch in etlichen Jahren, vor Sorge um Frieda halb durchdrehen. Mancher sieht ja seinen Hund als Familienmitglied an, und sein Kind stellt man ja auch nicht irgendwo nachts vor die Tür und schickt es alleine nach Hause. Und ich hab mir ja keinen Hund zugelegt, um weiterhin "mein eigenes Ding" zu machen.

Meine Frieda jedenfalls gehört nicht an den Straßenrand und auch nicht in die Kneipe. Sie gehört zu ihren Spielfreunden und an ihren Ruheplatz. Und an unsere Seite. Basta.

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