Meinung
Meine wilden Zwanziger

Besinnliche Zeit? Achtung, Weihnachtsfeier!

In diesem Jahr liegt ein Marathon mit fünf Partys vor mir. Vergessen Sie alle blöden Tipps für Betriebssausen.

Es ist Dienstagabend, 20.15 Uhr, in einem Bowlingcenter in Wandsbek. Die Kugel klatscht aufs Parkett. Wenige Zentimeter von den Pins entfernt driftet sie nach links ab und poltert in die Rinne. "Pudel! So ein Mist!", fluche ich. Auf den Bänken hinter mir grölen meine ehemaligen Kommilitonen und prosten mir mit einem Bierglas zu. Wer am Ende die meisten Punkte wirft, interessiert hier niemanden. Es duftet nach Grünkohl, aus den Musikboxen dröhnt "White Christmas" von Bing Crosby, und der Tresen ist mit vertrockneten Tannenzweigen dekoriert. Ohne Zweifel: Der alljährliche Weihnachtsparty-Wahnsinn hat begonnen.

In diesem Jahr artet er bei mir mit fünf (!) Feiern zu einem Marathon aus. Der Auftakt ist abgehakt. Am Sonnabend folgt ein Cocktailabend mit meinen Tennismädels, eine Woche später wird in der Uni mit ehemaligen und frischen Journalismusstudenten angestoßen, danach feiert das Abendblatt und kurz vor dem Jahreswechsel die Sportredaktion. Von wegen besinnliche Weihnachtszeit.

Der Dezember ist so proppevoll wie kein anderer Monat. Eine Kostprobe: Nach der Arbeit hetze ich alle drei Tage in die Innenstadt, um (fast) vergessene Geschenke einzukaufen. Meine Wochenenden verbringe ich am liebsten in Möbelhäusern, um den bevorstehenden Umzug zu organisieren. Und zwischen den ganzen Weihnachtspartys drängt sich die nervigste Frage aller Zeiten auf: Wo feiern wir eigentlich Silvester?

Halleluja! Schon bei dem Gedanken an den Jahresabschluss bricht bei vielen Mitarbeitern der Angstschweiß aus. Alle Jahre wieder werden Karrieremagazine gewälzt, um das Betriebsfest möglichst glimpflich und ohne große Fettnäpfchen zu überstehen. Trinken Sie nicht zu viel Alkohol! Lassen Sie die Finger vom Hintern der Praktikantin! Und stapeln Sie nicht wie ein All-inclusive-Hotelgast das Büfettessen auf Ihrem Teller!

Schließlich müssen Sie den Kollegen am nächsten Tag noch in die Augen schauen können und weiterhin mit ihnen arbeiten.

Blödsinn. Ich habe mir vorsorglich für den Tag danach freigenommen. Vergessen Sie diese bescheuerten Tipps. Wenn sich alle benehmen wie vom Büro-Knigge empfohlen, verbringen Sie den langweiligsten Abend Ihres Lebens. Weihnachtsfeiern sind dazu da, um sich zu blamieren. Bleibt nur zu hoffen, dass andere diesen Part für Sie (und mich) übernehmen. Dennoch: Es gibt rechtliche Hinweise, die durchaus nützlich sein können.

Nummer eins: Wenn Sie Ihren Chef nach einigen Drinks als "Arschloch", "Halsabschneider" oder "arme Sau" bezeichnen, droht Ihnen die fristlose Kündigung. Auch sollten Sie den Stinkefinger besser in der Tasche lassen.

Nummer zwei: Wenn Sie bei der Weihnachtsrede Ihres Chefs kurz vorm Einnicken sind, dürfen Sie laut "Buh" rufen. Sie können Ihre Meinung frei äußern. Das dürfte allerdings dazu führen, dass Sie bei der Mitarbeiter-des-Jahres-Wahl nicht mehr kandidieren werden.

Nummer drei: Die Firmenfeier darf nicht auf dem Stundenzettel vermerkt werden. Wer die Chance nutzen wollte, um endlich ein paar Überstunden aufzubauen, kann das nicht an der Theke beim Sambucatrinken machen.

Nummer vier: Sie können beim Tanzen ruhig vom Tisch fallen und sich ein Bein brechen. Wenn auf der Party alle Arbeitnehmer eingeladen worden sind und das Fest zur Verbesserung des Betriebsklimas dient, gilt bis zum offiziellen Ende der Unfallschutz. Auch der Weg zur Veranstaltung sowie nach Hause ist versichert. Wer allerdings einen Umweg auf den Kiez in die Thai Oase nimmt und noch drei Lieder von den Backstreet Boys schmettert (ich spreche da aus Erfahrung), ist von dem Schutz ausgenommen. Gut zu wissen.

Falls Sie, liebe Leser, sich nach Weihnachten also wundern sollten, warum Sie diese Kolumne donnerstags nicht mehr im Abendblatt finden können, bin ich hoffentlich nur vom Tisch gefallen ...

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.