Meinung
Mamas & Papas

Großangriff auf die Rabattpullover

Wie der Black Friday zum Lucky Friday wurde. Zumindest für einen in der Familie

Wir sind eine traditionsbewusste Familie. Wir ehren den Feiertag, ob Reformation oder Erntedank. Wehmütig erinnere ich mich an früher, als Strohballen, Kürbisse, Äpfel und Kartoffeln um den Altar lagen und wir „Danke für meine Arbeitsstelle ...“ sangen. Heute darf man Naturprodukte ja nicht mehr in geschlossene Räume legen, sonst fangen alle an zu husten wegen Feinstaub durch Stroh. In den letzten Jahren hat sich die Feiertagskultur dynamisiert. Es begann mit dem Valentinstag, von der Schnittblumen- und Pralinenindustrie erfunden, um das im Februar traditionell schwächelnde Geschäft anzuheizen. Dann natürlich Halloween statt Reformation: statt frommer Gesänge drangen luthergerecht wüste Drohungen durch die Straßen. Der alte Konfirmationsanzug in Feincord, dunkelblau, reichte zum Gruseln nicht, die Karnevalsindustrie arbeitet auf einen ganzjährigen Absatzzyklus hin.

Moderne Feiertage sind eher sportlich angelegt; da geht es um Wettbewerb und Internet, Sonntag gilt nicht mehr, der Zweck wird nicht länger verschleiert: Es geht um globalstmöglichen Absatz, befeuert von Kindern, die an Reklame so feste glauben wie wir früher an Himmel und Hölle. Womit wir beim Black Friday wären. Die Älteren erinnern sich an den Börsencrash vom 25. Oktober 1929, Beginn einer Weltwirtschaftskrise. Inzwischen ist der Schwarze Freitag ans Ende des Novembers gerutscht, dafür kollabiert nur noch das private Konto. Dieser „Black Friday“ ist ein angeblich magischer Tag, an dem Unternehmen so tun, als würden sie ihre Produkte verramschen. Unser Hans glaubt den Unsinn, leider.

Es gäbe gute Gründe, den letzten Freitag im November zu feiern. Der letzte Tag des Jahres ohne Weihnachtsspeck, ohne Wham mit „Last Christmas“ im Radio, ohne Einkaufsschlachten, überhaupt der letzte ruhige, entspannte, nette Tag des Jahres ohne glühweinverklebten Verdauungstrakt und Kinder, die durchdrehen. Ein Lucky Friday. Bis der Black Friday kam. Zugegeben, psychologisch ein schlau gewähltes Datum. Das Konto ist noch nicht im Weihnachtsstress, aber der Präsentedruck lastet bereits.

„Warum sollten Unternehmen ihre Produkte verschenken?“, fragte ich Hans, der seit Wochen eine mehrseitige Liste von Schnäppchen-Adressen zusammengeschrieben hatte, sehr viel ordentlicher als jede Hausaufgabe. „Weil Black Friday ist“, erklärte mein Sohn. „Wir brauchen nichts“, wandte ich ein. „Doch“, erwiderte er, „neue Sneaker.“ Ich argumentierte mit Verpackungsmaterial, Klimawandel, Mindestlohn für Paketboten. Hans nickte und sagte: „Freitag, 14 Uhr.“

Am frühen Freitagmittag klagte Hans im Schulsekretariat offenbar überzeugend über Starkbauchschmerz, womit er sich einen verfrühten Weg nach Hause erschlich. Wahrscheinlich waren die Schmerzen sogar echt, eine klassische Prä-Shopping-Gastritis. Exakt um 13.45 Uhr war das Kind wieder topfit. Die gute Nachricht: Mein Sohn kann sich fokussieren. „Du musst dich schon vorher einloggen“, befahl er. Ich lehne Konsum immer noch ab, will mein Kind aber nicht traumatisieren. Was, wenn alle anderen Kinder der Welt exakt jetzt mit ihren Eltern in Rechner starren, nur wir nicht? Wir glotzten auf die Seite eines Kapuzenpulloverversenders, auf der sich nichts bewegte. Ich lud die Seite erneut. Wieder nichts. Hans hackte hektisch in sein Handy. Tatsächlich: All seine Kumpels klebten ebenfalls auf dieser Seite. Vermutlich hatte es in der Schule eine virushafte Reihe von Krankmeldungen gegeben. „Letztes Jahr musste das System mehr als 50.000 Anfragen gleichzeitig bewältigen“, las ich in einem Informationsdienst für Online-Wahnsinn. Während wir uns in digitalem Schlangestehen übten, rüsteten wir nach und orchestrierten einen Großangriff auf die Rabattpullover: zwei Smartphones und drei Rechner wurden gleichzeitig zur Attacke auf die Hoodies gerichtet. Obendrein hatte ich die Chefin angerufen, sie möge sich auch auf dieser Seite einloggen, wegen des Black ... - aber das hatte sie schon nicht mehr gehört. Aufgelegt.

Nach einer halben Stunde meldete Hansens Kumpel, dass nur noch XS verfügbar sei. Ich hatte inzwischen nach weiteren Angeboten gegoogelt. Reines Interesse, ich brauche ja nichts, wirklich nicht. Aber 30 Prozent auf dieses Mountainbike in der Trendfarbe Latte macchiato, das war fast geschenkt. Die Chefin würde mich umbringen. Daher stets den Black-Friday-Trick beherzigen: nur ins Büro liefern lassen.