Meinung
Leitartikel

Das Dilemma der SPD: Wohin mit Martin Schulz?

Die SPD hat großen Respekt und Mitgefühl für ihren Chef. Aber das reicht nicht.

Was hinter vorgehaltener Hand viele sagen, hat Abendblatt-Kolumnist Hajo Schumacher in der TV-Sendung „Maybrit Illner“ einmal offen und deutlich ausgesprochen. „Alle fragen sich: Wohin mit dem Martin? Was sollen wir mit dem armen Kerl machen?“ Der Herr Schulz sei zwar ein netter Kerl, aber er könne es halt nicht. Sagte Schumacher und bekam dafür in der Talkrunde, an der auch Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz teilnahm, viel Applaus. Und das zu Recht.

Denn die Genossen befinden sich in einem Dilemma. Einerseits ist Martin Schulz einer, der Herz und Seele der Partei erreichen kann, der allein mit seiner Biografie sozialdemokratische Gefühle weckt. Außerdem ist es nicht lange her, dass er mit historischen 100 Prozent zum Chef gewählt worden ist. So einer verdient natürlich die Solidarität, die Parteimitgliedern so wichtig ist.

Wie gesagt: einerseits.

Andererseits hat Martin Schulz als Spitzenkandidat das schlechteste SPD-Ergebnis bei einer Bundestagswahl zu verantworten und die unglaubliche Achterbahnfahrt bei den Umfragen noch dazu. Und wenn es nur das wäre: Die „Schulz-Story“ im „Spiegel“, für die ein Reporter den Kandidaten monatelang eng begleiten durfte, offenbarte eklatante Schwächen des Politikers. Der Mann, der eines der wichtigsten Länder der Welt führen wollte, konnte sich nicht einmal in der eigenen Partei durchsetzen. Kommt hinzu, dass Schulz bei nahezu jedem Wahltermin für sich eine Beteiligung an einem Kabinett Merkel und bis vor wenigen Tagen auch eine Große Koalition ausschloss.

Schulz soll verhandeln: Das kann kaum gut gehen

Ausgerechnet so einer soll jetzt mit der CDU/CSU über eine wie auch immer geartete Regierung verhandeln? Das kann kaum gut gehen, und es ist erstaunlich, dass das öffentlich kaum jemand so anspricht wie Hajo Schumacher. Im Gegenteil: Auf der einen Seite erklärt die SPD, dass sie Zeit braucht – am besten in der Opposition –, sich zu erneuern. Auf der anderen Seite will sie das mit Martin Schulz an ihrer Spitze tun, so, als hätte es den 24. September und die Wochen danach nicht gegeben.

„Es ist so tragisch“, sagte Schumacher bei „Maybrit Illner“ dazu und meinte damit auch die Tatsache, dass niemand in der SPD in dieser Lage dazu bereit ist, am kommenden Wochenende gegen Schulz als Parteivorsitzender anzutreten.

So werden die Genossen den Mann, auf den sie alles gesetzt haben und der alles verloren hat, mit großer Sicherheit in seinem Amt bestätigen. Schulz profitiert von der weiter vorn beschriebenen Mischung aus Respekt vor seiner Lebensleistung und – für einen Spitzenpolitiker schlimm genug – Mitgefühl. Ganz gleich, wie der Parteitag läuft, der Parteivorsitzende wird erneut verlieren: 100 Prozent Zustimmung sind nach all dem, was passiert ist, unerreichbar; je stärker es nach unten geht, desto schwieriger wird es für Schulz werden, die SPD zu führen.

Dass er sich das antut, dass er weitermacht, obwohl ihm seit Monaten wirklich nichts gelingen mag, fordert wieder ein einerseits und andererseits heraus. Einerseits ist es erstaunlich, woher Martin Schulz nach all den Niederschlägen die Kraft und den Willen dazu nimmt, weiterzumachen. Andererseits ist es erstaunlich, dass er seine Situation nicht erkennt. Den Makel von Bundestagswahl plus Schulz-Story plus GroKo-nicht-mit-mir wird er nicht mehr los. Vielleicht sollte ihm und seiner Partei das einmal noch jemand anderes sagen als Hajo Schumacher.