Meinung
Leitartikel

Neue Regierung: Merkel braucht die SPD

Daran liegt eine Chance für die Sozialdemokraten. Wenn sie alles richtig machen.

Anke Stadler hat eine spannende Woche hinter sich. Bis zum vergangenen Sonntag konnte die Ehefrau von Sigmar Gabriel darauf hoffen, dass ihr Mann künftig deutlich mehr Zeit für sie und die Kinder hat. Eine schöne Vorstellung. Doch dann verließ Christian Lindner die Jamaika-Regierungsgespräche, rief Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier alle Parteivorsitzenden, auch SPD-Chef Martin Schulz, zu sich. Und die Zukunft der Familie Ga­briel könnte auf einmal wieder anders aussehen: nämlich dann, wenn der Papa Außenminister bleibt.

Noch ist es nicht so weit. Aber die SPD hat sich entschieden, ihr striktes Nein zu einer Regierungsbeteiligung aufzugeben. Für die Bereitschaft, sich doch mit der Union an einen Tisch zu setzen und darüber zu sprechen, was gemeinsam für Deutschland möglich wäre, gebührt den Sozialdemokraten erst einmal Dank und Anerkennung.

Die ursprüngliche Strategie, sich in der Opposition zu erneuern und so auch die Bedeutung der AfD im Bundestag nicht zu groß werden zu lassen, war verheißungsvoll und bis zum Scheitern der Jamaika-Koalition richtig. Jetzt wäre es falsch gewesen, daran festzuhalten. Jetzt ist es klüger für die SPD, erneut in eine Große Koalition - die ja so groß nicht mehr ist – zu gehen, als das Risiko Neuwahlen auf sich zu nehmen. Mehr noch: Wenn man es geschickt anstellt, kann die Auferstehung der Sozialdemokratie vielleicht gerade in einer Regierung gelingen.

Das hat viel mit dem zu tun, was seit der Bundestagswahl passiert ist. Angela Merkel ist nicht mehr die alles überstrahlende, jeden Partner an den Rand drängende Kanzlerin. Nicht nur, dass sie die SPD inzwischen mehr braucht als die SPD sie. Merkels mögliche vierte wird auch definitiv ihre letzte Amtszeit sein, ihre Regierung ist ein Auslaufmodell.

Die Sozialdemokraten haben dagegen die Chance, mögliche Kanzlerkandidaten für die nächste Bundestagswahl in einer neuen Regierung aufzubauen. Nirgendwo kann man so schnell bekannt und beliebt werden wie auf einem bedeutenden Ministerposten. Und klar ist, dass die SPD im Falle einer erneuten Koalition wichtige Ressorts erhalten wird – allen voran die Finanzen, das Auswärtige Amt, Soziales? Daraus lässt sich etwas machen, wenn man auf Menschen mit Perspektiven setzt. Martin Schulz gehört nicht dazu, es wäre aberwitzig, wenn ausgerechnet er als Vizekanzler in eine Regierung Merkel gehen würde. Was nicht heißt, dass er nicht Parteivorsitzender bleiben kann. Die lähmende Fixierung darauf, dass einer in der SPD möglichst auf alles Zugriff haben muss, ist sowieso Quatsch. Jetzt kommt es darauf an, für jeden Platz den besten Mann und die beste Frau zu finden. Mit der kämpferisch-polternden Andrea Nahles als Fraktionsvorsitzender ist ein Anfang gemacht.

Die Große Koalition ist für die SPD auch deshalb eine Chance, weil sie viel mehr von ihren Inhalten wird umsetzen können als bei vorherigen Verhandlungen. Schwarz-Rot hätte auf jeden Fall deutlich andere Schwerpunkte als Jamaika, und wer glaubt, dass solch eine Regierung den kleineren Parteien erneut massiv Wähler zutreiben wird, der könnte irren.

Zumindest die Anhänger der FDP dürften sich über ihren Spitzenkandidaten eines Tages noch ärgern. Denn vieles von dem, was der offenbar mit den Grünen und der CDU/CSU schon an- beziehungsweise ausverhandelt hatte, hört sich aus Sicht eines FDP-Wählers gut an. Mit dem großen Schönheitsfehler, dass es eben nicht kommen wird. Merke: Die Sieger von heute können die Verlierer von morgen sein. Und umgekehrt.