Meinung
Sie haben Post

E-Mails zwischen Hamburg und Berlin

Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider

Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider

Foto: Andreas Laible

Ein E-Mail-Wechsel von Abendblatt und „Cicero“.

Christoph Schwennicke, Chefredakteur des in Berlin produzierten Magazins „Cicero“, und Lars Haider, Chefredakteur des Abendblatts, pflegen eine E-Mail-Freundschaft, die wir jeden Sonnabend an dieser Stelle veröffentlichen.

Haider: Lieber Christoph, man denkt immer, dass alle sich ärgern über die langen Verhandlungen auf dem Weg zu einer neuen Regierung, aber das stimmt nicht. Sigmar Gabriel zum Beispiel dürfte froh sein über jeden weiteren Tag, den er Außenminister bleiben darf. Und auch sonst habe ich das Gefühl, dass die amtierenden Minister im Moment mal richtig zum Arbeiten kommen.

Schwennicke: Ich traf kürzlich einen lang gedienten Parlamentarier und Ex-Minister, der sagte: Herrlich! Endlich Zeit, alles Liegengebliebene wegzuarbeiten. Und immer noch viel Zeit übrig.

Haider: Warum haben die Sondierer am Donnerstag die vorbereitete Vereinbarung verschickt? Macht man so was nicht nur, wenn man sicher ist, dass man einen Durchbruch erzielt?

Schwennicke: Das ist eine gute Frage. Eine andere gute ist: Wieso müssen sie an jedem Mikro ihren Frust abladen wie heute morgen Wolfgang Kubicki? Da ist die Merkel schon ein Profi. Flötet ein freundliches „Guten Morgen!“ in die Schar und fährt von dannen. Und die anderen rennen in die nächste Talkshow.

Haider: Ich glaube, Kubicki nimmt einfach jedes Bonmot mit, und allein dafür hätte er einen Ministerposten verdient. Er ist wenigstens lustig, alle anderen Sondierungsplauderer wirken seltsam verkrampft mit ihren ewigen Jamaika-Wortspielchen. Die CSU-Jungs werden leider nie lustig sein, wenn überhaupt, sind sie unfreiwillig komisch. Kann man die bei Jamaika nicht einfach rauslassen?

Schwennicke: Auch wenn die Show immer mit zur Politik gehört: Ich bin nicht ganz sicher, ob das Maß an Lustigkeit so der wichtigste Zollstock bei Koalitionsverhandlungen ist.

Haider: Aber einer darf dabei sein, dem man gern zuhört.

Schwennicke: Das ist bei mir Jürgen Trittin. Der ist durch eine eisenharte Diskussions- und Verhandlungsschule gegangen in seinen jungen Jahren als Kommunist. Davon profitiert er noch heute. Neben Merkel der einzige Vollprofi von Balkonien.