Meinung
Leitartikel

Klimawandel – Wir müssen anfangen

Der Mensch ist beim Klimawandel nicht nur das Problem, sondern die Lösung

Es gibt diesen wunderbaren Satz des US-Meteorologen David Tidley: "Eis folgt nicht den politischen Denkmodellen von Liberalen oder Konservativen – es schmilzt einfach."

Viel Eis ist geschmolzen in den vergangenen zwei Jahrzehnten, in denen unter dem Dach der Vereinten Nationen über Klimaschutz verhandelt wird. Geblieben ist der Hang, die ökologisch notwendige Neuerfindung unseres Lebensstils immer wieder aufzuschieben. 27 Jahre ist es her, seit der erste Bericht des Weltklimarats IPCC darlegte, wie gefährlich die Folgen der globalen Erderwärmung für die kommenden Generationen sein können. An der Grundaussage hat sich seitdem nichts geändert, an den Naturgesetzen auch nicht. Wir wissen heute viel mehr über diese menschengemachte Störung des Klimasystems. Aus den Puzzleteilchen der Forscher entsteht ein zusammenhängendes Bild. Doch es gibt zwei Probleme: Wir leben bereits mitten im Klimawandel, und zweitens verplempern wir Zeit, die wir nicht haben.

Sind wir schlicht und einfach zu doof, die Welt zu retten? Viele Menschen, die sich wissenschaftlich mit diesem Thema befasst haben, schreien in diesen Tagen ein "Ja" hinaus. Wie kann es sein, klagen sie, dass gesicherte Erkenntnisse einer überwältigenden Mehrheit der Forschergemeinde nicht zur Grundlage des politischen Handelns gemacht werden? Wie kann es sein, dass Deutschland auf der Klimakonferenz in Bonn den Aufbruch in eine Welt ohne Kohle, Gas und Öl verspricht, während bei den Sondierungsgesprächen die Jamaika-Koalitionäre das Schreckgespenst an die Wand malen, dass durch die Abschaltung der dreckigsten Braunkohle-Blöcke bei uns die Lichter ausgehen könnten? Wie kann es sein, dass Deutschland auf den Klimaverweigerer Donald Trump zeigt, während es selbst in vier der fünf klimaschädlichsten Kraftwerke Europas Braunkohle verfeuert und auf absehbare Zeit nichts daran ändern will? Glaubwürdigkeit ist die Währung, mit der auf Uno-Klimagipfeln bezahlt wird.

Politiker denken in Legislaturperioden, nicht in Generationen. Ein Problem anzugehen, dessen Lösung sie womöglich nicht mehr miterleben, liegt ihnen daher fremd – insbesondere dann, wenn dieses Klimathema womöglich etwas mit Verzicht zu tun hat und Wähler vergrätzt. Die Wahrheit ist die, dass Klimaschutz eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Wir müssen uns nicht nur von fossiler Energieerzeugung verabschieden, sondern auch von dem Gedanken, einfach so weitermachen zu können. Wir glauben immer noch, dass Deutschland Weltmeister im Klimaschutz, Mülltrennung oder im Erfinden von sauberen Technologien ist. Wir sind es nicht. Saubere Motoren stecken nun in immer schwereren Autos, weswegen die Treibhausgasemissionen im Verkehrssektor nicht sinken. Wir beziehen Ökostrom und klagen gegen die Stromtrassen vor unserer Haustür. Wir zetern über einen deutschen "Sonderweg" im Klimaschutz und erzeugen pro Kopf und Jahr rund zehn Tonnen Kohlendioxid. Im weltweiten Schnitt sind es knapp fünf.

Das, was die Staatengemeinschaft derzeit an Klimaschutzversprechen auf den Tisch gelegt hat, reicht nach Berechnungen der Wissenschaft nicht aus, um die Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu halten. Je später der Sinkflug bei den Emissionen eingeleitet wird, desto drastischer fallen die Einsparungen aus, desto teurer müssen Volkswirtschaften sie erkaufen. Unser größter Fehler ist der: es den kommenden Generationen aufzubürden.

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