Meinung
Leitartikel

Hamburg fehlen Kinder

Ja, die Stadt tut viel für Familien. Aber am Ende zählen oft nur die Immobilienpreise. Was jetzt getan werden muss.

Wenn Sie bei einem Gespräch mit Freunden, Verwandten oder Kollegen für eine Überraschung sorgen wollen, müssen Sie nur diese Frage stellen: „Was glaubt ihr, in wie vielen Hamburger Haushalten Kinder leben?“ Die Antworten sind in der Regel nicht nur falsch, sondern liegen weit von der richtigen Zahl entfernt. Und wenn Sie diese dann nennen – „es sind 18 Prozent“ – werden die Befragten so etwas sagen wie: „Das glaube ich nicht.“ Oder: „Das kann doch nicht wahr sein.“

Ist es aber, und wir werden uns wohl daran gewöhnen müssen, dass es so bleibt. Hamburg ist zwar in den vergangenen Jahren deutlich familienfreundlicher geworden. In keinem anderen Bundesland sind Kita-Plätze (zumindest die ersten fünf Stunden) kostenlos, in keinem anderen Bundesland ist der Ausbau der Ganztagsschulen so stark vorangeschritten.

Aber diese vorausschauenden Maßnahmen, die der Senat um Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) schon bei dessen erster Wahl angekündigt hatte, reichen offenbar nicht, um aus Hamburg eine Familienstadt zu machen.

Wer Kinder hat, braucht Platz – und der ist teuer

Wer die Entwicklung der vergangenen knapp 50 Jahre hoch- und die Verteuerungen bei Immobilien mit einrechnet, kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Hamburg ist und wird noch stärker eine Stadt für Alleinlebende sein, für Menschen, die nicht viel (Wohn-)Raum benötigen, dafür aber Wert auf kulturelle und andere anspruchsvolle Freizeitmöglichkeiten legen. Sie werden Hamburg wie so viele andere Millionen-Metropolen zuvor prägen. Das kann man gut und das kann man schlecht finden – aufhalten lassen dürfte sich diese Entwicklung trotz bereits genannter und weiterer politischen Gegenmaßnahmen nicht.

Das hat vor allem einen Grund: Wer Kinder hat – und glücklicherweise gibt es immer mehr Familien, die statt eines Kindes gern zwei, drei oder sogar noch mehr wollen – braucht Platz. Platz zum Wohnen, Platz zum Spielen, vielleicht sogar Platz im eigenen Garten. Der wird in Hamburg knapp oder teuer bis unbezahlbar. In den bei Familien besonders beliebten Vierteln zahlt man für eine Wohnung, die über 100 Quadratmeter groß ist, heute gern mal mehr als 2000 Euro Miete im Monat – wenn man sich das denn leisten kann. Wer ein freistehendes Haus kaufen und nicht ganz an den Rand der großen Hansestadt ziehen will, ist schnell mit einer siebenstelligen Summe dabei.

Hamburg muss mit dem Umland noch schneller und enger zusammenwachsen

Wenn sich daran nichts ändert, werden die Preise Familien aus der Stadt vertreiben, insbesondere die, die zur sogenannten und inzwischen recht breiten Mittelschicht gehören. In Hamburg verbleiben dann zwei Arten von Familien. Jene, bei denen Geld keine Rolle spielt, und jene, die aufgrund ihrer finanziellen Situation Anspruch auf staatlich geförderten Wohnungsbau haben. Soll heißen: Auch bei den Familien verschärft sich die soziale Spaltung der Stadt weiter.

Die Lebensläufe vieler Hamburger dürften künftig wie folgt aussehen: Als Student zieht man in die Stadt, begnügt sich hier mit einem WG-Zimmer oder einer Einzimmerwohnung. Mit der Familie zieht man raus, ins zum Glück meist sehr schöne Umland. Um schließlich, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der oben genannte Platzbedarf wieder sinkt, zurückzukommen. Weil das so ist, weil Hamburg Schleswig-Holstein auch als eine Art Familiengürtel und Schleswig-Holstein Hamburg als Arbeitgeber braucht, kann man nur hoffen, dass die beiden Länder noch schneller und noch enger als bisher zusammenwachsen.