Meinung
Kommentar

Hamburgs holpriger Weg zur Fahrradstadt

Der Ausbau der Velorouten kommt voran. Aber Rot-Grün erreicht nicht alle hehren Ziele

Der allherbstliche Streit über das liebe Laub wird derzeit um einen speziellen Aspekt erweitert. Die Radfahrer, denen in Hamburg seit Jahren eine Freie und Fahrradstadt versprochen wird, sehen jetzt ganz genau hin, ob die Stadtreinigung die neuen Radlerstrecken genauso schnell von Laub und Matsch befreit wie die großen Autopisten. Fotos, die derzeit in den sozialen Netzwerken kursieren, sprechen dafür, dass das nicht immer optimal funktioniert. Was aber nützen schöne neue Wege, wenn sie durch Blätterpampe zu Rutschbahnen und damit unbenutzbar werden? Das zeigt: Gesellschaftliche Veränderung braucht nicht nur neue Hardware – sondern auch ein neues (Mit-)Denken.

Immerhin: Rot-Grün müht sich redlich um den schnellen Ausbau des Veloroutennetzes. Die jetzt vorgestellte Zwischenbilanz kann sich sehen lassen. Rund ein Drittel des 280 Kilometer langen Netzes aus 14 Velorouten ist fertiggestellt, der Rest befindet sich in Planung. Ein Blick auf die Karte des Ausbaustandes allerdings zeigt, dass es kaum längere Strecken gibt, die schon durchgängig befahrbar sind. Hinzu kommt: Die großen Probleme, etwa bei zentralen Strecken an der Alster, sind nicht im Ansatz gelöst. Auch andernorts hakt es – etwa weil die Bahn an der Planung beteiligt werden muss.

Es zeichnet sich ab, dass der Senat das Versprechen kaum wird halten können, das Streckennetz bis 2020 vollständig auszubauen. Im Koalitionsvertrag stehe ja nur "soll bis zum Ende der Wahlperiode fertiggestellt werden", sagt nun Verkehrsstaatsrat Rieckhof. Mithin: So richtig ernst muss man rot-grüne Soll-Ziele wohl nicht mehr nehmen. Auch an einem anderen Punkt verabschiedet sich die Koalition vorsichtig von hehren Vorhaben: Dass der Anteil des Radverkehrs in den 20er-Jahren wie angepeilt auf 25 Prozent gesteigert wird, ist mittlerweile eher zweifelhaft. Für 2025 rechnet man mit nur noch gut 18 Prozent. Mithin: Es geht voran auf dem Weg zur fahrradfreundlicheren Stadt – aber langsamer und holpriger als versprochen.

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