Meinung
Kolumne

Was zum Teufel ist denn dieses Ghosting?

Manchmal meldet sich ein Date ohne Vorwarnung nicht mehr. Warum ein Ende ohne Abschied ätzend ist.

„Sein bescheuertes Ghosting geht mir auf die Nerven!“, brüllt meine Freundin am Sonntagabend in den Telefonhörer. Sie führt einen zehnminütigen Monolog über die verdammte Männerwelt. Fast in jedem zweiten Satz – und das ist nicht übertrieben – fällt ein Schimpfwort. Ihr Tinder-Date, dieser wohlgeformte Achilles mit Wuschellocken und Dackelblick, hat sich als Reinfall entpuppt. Mal wieder. Denn: Mr. Right meldet sich seit zwei Wochen nicht mehr.

Während meine Freundin sich weiter in Rage redet, bin ich mit den Gedanken ganz woanders. Weit weg von Wuschellocke. Dass er ein hübsch verpacktes Mogelpaket ist, war von Anfang an klar. Aber was zum Teufel ist denn dieses Ghosting?

Nach unserem eineinhalbstündigen Gespräch setze ich mich an meinen Laptop und googele. Die Suchmaschine spuckt fast sechs Millionen Ergebnisse aus. Peinlich. Scheinbar bin ich die einzig Ahnungslose, die schon wieder irgendeinen neumodischen Trend verpasst hat. Dank Google weiß ich jetzt: Unter Ghosting versteht man das Phänomen, dass eine Person, die du datest, ohne Vorwarnung aus deinem Leben verschwindet. Einfach so. Als sei dein Date nur ein Geist gewesen. Aha. Seit 2015 steht der Begriff sogar im englischen Duden. Es ist eine Frage der Zeit, bis er sich auch in Deutschland etabliert.

Zumindest ergibt das Ganze jetzt im Zusammenanhang mit meiner Freundin einen Sinn. Sie war kurz davor, eine Beziehung mit dem Typen einzugehen – bis er wie bei „Aktenzeichen XY“ spurlos verschwunden ist. Das ist sicherlich kein Phänomen der Neuzeit. Es hat einfach nur den hippen Namen Ghosting verpasst bekommen. Und scheint durch den Onlinedating-Wahnsinn aktueller denn je zu sein. Früher war man „mal eben eine Zigarette holen“, heute antwortet man einfach nicht mehr auf WhatsApp-Nachrichten.

Dennoch bleibt die Frage: Warum schaffen es einige Menschen – Männer und Frauen gleichermaßen – einfach nicht, einen vernünftigen Abgang hinzulegen?

Vielleicht aus Feigheit. Gleichgültigkeit. Oder aus Angst, den anderen Menschen zu verletzen. Der letzte Grund wäre mir noch der liebste. Wie bei Tinder wischen die Geister ihr Date lieber weg, anstatt zu erklären, warum es nicht gefunkt hat. Was ja durchaus legitim ist. Es kann nicht immer die große Liebe sein.

Bisher dachte ich, per SMS Schluss machen sei das Worst-Case-Szenario für den Verlassenen. Falsch gedacht. Ghosting erreicht noch eine neue Ebene. Meine Freundin ist seit zwei Wochen ein von Selbstzweifeln zerfressenes emotionales Wrack. Schönen Dank auch, Wuschellocke. Sie hält sich für unattraktiv, langweilig und beziehungsunfähig. Dabei ist sie genau das Gegenteil. Und das Allerschlimmste: Sie hofft immer noch darauf, dass er sich bei ihr meldet. Nicht zu fassen.

Wenn er das tatsächlich täte, nennt man dieses Verhalten im Übrigen Submarining („U-Booten“). Ja, es gibt so ziemlich für alles einen bescheuerten Namen. Das habe ich im Zuge meiner Google-Recherchen gelernt. Unter Submarining versteht man, dass sich ein verschollenes Date wie aus dem Nichts mit einer belanglosen Nachricht wie „Na, alles klar?“ meldet. Der Geist taucht sinnbildlich wie ein U-Boot aus dem Wasser plötzlich wieder auf.

Es ist eine Sache, sich nach einigen Dates aus dem Staub zu machen. Doch es soll tatsächlich sogar Ehepartner geben, die sich nach einer langjährigen Beziehung ohne ein Wort des Abschieds vom Acker machen. Sich irgendwohin ins Ausland absetzen. Und ein neues Leben aufbauen. Auf Nimmerwiedersehen. Schließlich ist es einfacher, vor seinen Problemen wegzulaufen, anstatt sich ihnen zu stellen. Aber nicht unbedingt besser.

Fakt ist: Trennungen sind immer blöd. Aber lieber kurz – und in dem Fall schmerzvoll –, als Ghosting-Opfer zu werden und die Wahrheit nie zu erfahren.

Liebe Wuschellocke, diese Kolumne ist im Übrigen keine Suchmeldung nach dir. Bleib einfach unsichtbar. So gefällst du mir nämlich am besten.