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Das Hochamt der Demokratie

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Matthias Iken

Am Sonntag entscheiden die Bürger – und ausnahmsweise mal nicht die Meinungsforscher

Die Kirchen und die Wahlbüros haben an diesem Sonntag einiges gemeinsam: Sie waren schon mal besser besucht. Das gilt für das Hochamt wie für das „Hochamt der Demokratie“, den Wahltag. Sie wirken wie eine fest gefügte Tradition, wie etwas, das schon immer da gewesen ist und damit ein bisschen entbehrlich. Die Sonntagspflicht gilt als alter Zopf, und in einer Zeit, in der sich selbst Parteien alle paar Jahre ein neues Outfit verpassen, wirken beide aus der Zeit gefallen mit ihren starren Formen: Der Hauptgottesdienst der römisch-katholischen Kirche folgt ebenso einer festen Struktur wie die Wahl, die oft in einer Schule zelebriert wird. Sie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert: Hier regieren auch in digitalen Zeiten Kugelschreiber und Wahlzettel; die Kabinen sind von zeitloser Schlichtheit und die Urnen über jede Mode erhaben. Gibt es ein konservativeres Umfeld für eine Wahl?

Zugleich macht es den Reiz aus, dass in einer Zeit der Reizüberflutung der Wahlgang in demonstrativer Nüchternheit ganz ohne Chichi auskommt und schon die Briefwahl wie eine Extravaganz erscheint. Die regelmäßig wiederkehrenden Vorschläge, die Wahl attraktiver zu gestalten, Wahlbüros länger zu öffnen, besser auszuschildern, in Migrantensprachen zu werben oder eine digitale Stimmabgabe zu ermöglichen, führen in die Irre. Was kann attraktiver sein, als über die Zukunft seiner Stadt oder seines Landes abzustimmen? Demokratie darf von den Bürgern eine gewisse Mündigkeit erwarten.

Und – siehe auch den Leserbrief der Woche – demokratische Vorbilder: Leben wir die Stimmabgabe als demokratischen wie feierlichen Akt vor. Als Kind habe ich gestaunt und war neidisch auf meine Eltern und Geschwister; die Wahl glich einem Familienausflug der Demokratie. So geben wir es weiter.

Allerdings haben die Wahlen an Magie eingebüßt. Das liegt nicht an zu kleinen Stühlen in der Wahlkabine, muffiger Luft oder Warteschlangen – es liegt an der Entzauberung durch Hunderte von Umfragen. Wer, wie jetzt, tagtäglich von neuen Erhebungen der Meinungsforschungsinstitute liest, die sich meist nur hinter dem Komma unterscheiden, verliert nicht nur die Lust auf einen spannenden Wahlabend, sondern die Lust an der Wahl insgesamt. Bundestagswahlen gleichen Krimis, bei denen der Mörder vorher in allen Zeitungen steht. Wer will den noch lesen?

Es ist kein Zufall, dass die Wahlbeteiligung seit Jahren sinkt. 1965 fingen Medien an, Umfragen zu veröffentlichen: Die Balkendiagramme im „Stern“ galten damals als Sensation; das ZDF blamierte sich dann am Wahlabend prompt mit einer Umfrage, die ein Kopf-an-Kopf-Rennen vorhergesagt hatte. Dummerweise gewann die Union mit 8,3 Prozent Vorsprung. Damals gaben übrigens 86,8 Prozent der Bürger ihre Stimme ab.

Ab der Bundestagswahl 1976 wurden erstmals wöchentliche Umfragen veröffentlicht; die Wahlbeteiligung sank im Vergleich zur Rekordbeteiligung bei der Willy-Wahl (91,1 Prozent) minimal auf 90,7 Prozent. In der Folgezeit avancierten die Befragungen immer mehr zu einem Mittel der Eigenwerbung – wer die aktuellsten Zahlen hatte, bekam die Aufmerksamkeit. Doch dieses Spiel funktioniert nur, solange die Daten auffallen. Längst gibt es Tage, wo gleich zwei oder gar drei Meinungsforschungsinstitute ihre Zahlen veröffentlichen. In der Inflation sinkt der Wert.

Zudem stellt sich die Frage, ob die Demoskopen die Stimmung nur messen – oder doch Stimmung machen. Menschen neigen dazu, auf der Seite der Sieger stehen zu wollen: Das nützt dem Führenden, während der Abgehängte weiter zurückfällt. Wo es keine Chance auf den Wechsel gibt, sinkt das Interesse. So waren die hochdramatischen Wahlkämpfe der Jahre 1972 und 1976, aber auch 1998 die bestbesuchten Hochämter der Demokratie.

2013 fiel übrigens das letzte Tabu – bis dahin galt ein Schweigegelübde, in der letzten Woche vor der Wahl keine neuen Umfragen mehr zu veröffentlichen. Seitdem überrollen die Zahlen die Republik. Vor vier Jahren blieb fast jeder dritte Wahlberechtigte zu Hause - auch in dem Glauben, die Demoskopen hätten längst entschieden.

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