Meinung
Deutschstunde

Wie Othello als Torte nach Lübeck kam

Kann Schokolade rassistisch sein? Über den Sinn und Unsinn von Political Correctness und Gender-Sprache

Mein Bemühen an dieser Stelle, der deutschen Sprache ihren Rang zu bewahren, ist, wie Sie vielleicht gelesen haben, mit dem VDS-Preis "Elbschwanenorden" ausgezeichnet worden. Ich habe mich sehr darüber gefreut und möchte auf diesem Wege für die vielen Glückwünsche danken, die mich erreicht haben. Beim Festakt stand die Warnung im Vordergrund, dass nicht nur die Flut der Anglizismen den Kern der deutschen Muttersprache gefährdet, sondern zunehmend der Druck bestimmter Personen und Gruppen, die die Freiheit des Redens und Formulierens durch die Vorgabe angeblich politisch korrekter und geschlechtsgerechter Ausdrücke nicht nur einschränken, sondern unterbinden wollen.

Was politisch korrekt ist, steht weder im Grundgesetz noch im Duden und ist mir in den Grenzen der Mitmenschlichkeit freigestellt wie meine Wahlentscheidung am Sonntag. Trotzdem werde ich bei bestimmten, keineswegs diskriminierend und rassistisch gemeinten Ausdrücken angegriffen und mit bösen Briefen überhäuft. Deshalb lesen Sie häufig Umschreibungen wie "Großfamilie aus Rumänien". Offenbar kann jeder "Eiferer und Wichtigtuer", wie es in einem Leserbrief hieß, im Namen der unsäglichen Political Correctness solche Attacken starten, wobei die Vorgaben durchaus fließend sind. Jahrelang war der Ausdruck Eskimo verpönt, weil der in der Sprache der nordkanadischen Ureinwohner, die allerdings kaum ein Deutscher beherrscht, so viel wie "Rohfleischesser" bedeutet. Dafür sollte es Inuit (Mensch) heißen. Das gilt jetzt auch nicht mehr, weil angeblich einige Stämme ausgeschlossen und somit diskriminiert wären. Vielleicht sollten wir uns nach dem gesunden Menschenverstand und nicht mehr nach der Magisterarbeit einer Studentin, Pardon!, einer Studierenden richten.

Vor einigen Tagen stellte sich die Frage, ob eine Torte rassistisch sein kann. Das weltbekannte Café Niederegger in Lübeck sah sich gezwungen, seine eingeführte "Mohrenkopftorte" in Othel­lotorte umzubenennen. Neben anderen selbst ernannten Sprachpolizistinnen hatte eine Lehrerin aus Hamburg Protest gegen die alte Bezeichnung erhoben, weil hier der Schokoladenüberzug der Biskuit-Vanille-Torte diskriminierend mit der Hautfarbe eines Mohren gleichgesetzt werde. Allerdings handelt es sich bei dem venezianischen Feldherrn Othello in Shakespeares Tragödie ebenfalls um einen Mohren, der aus Eifersucht erst seine weiße Frau und dann sich selbst umbringt. Insofern ist der Bezug des Schokoladenüberzugs der Torte auf die Hautfarbe ihres neuen Namengebers nach wie vor vorhanden.

Weniger ein explosives als ein chaotisches Sprachgemisch, das geradezu nach Böhmermann schreit, finden wir vor, wenn sich die Political Correctness mit dem angeblich geschlechtsgerechten Sprachgebrauch paart. Die "FAZ" nennt diesen Vorgang treffend "Gender-Unsinn". Als Gender (engl. Geschlecht) bezeichnet man die Geschlechtsidentität des Menschen als soziale Kategorie. Der Kern der feministischen Sprachkritik beruht allerdings auf einem fundamentalen Irrtum: der Gleichsetzung von grammatischem und natürlichem Geschlecht in der Sprache oder, populärer ausgedrückt, von Genus und Sexus. Das ist weder etymologisch noch in der Praxis der Fall. Dabei gehen die Feministinnen von einer sprachlichen Benachteiligung der Frauen aus, obwohl mehr als die Hälfte der Substantive feminin ist und den Artikel "die" im Singular führt.

Die Evangelische Kirche (EKD), die schon auf dem Stuttgarter Kirchentag mit den "Saalmikrofonen und Saalmi­krofoninnen" etwas vorschnell die Ehe für alle auch auf Sachen ausgedehnt hatte, tilgte auf dem Berliner Kirchentag alles Maskuline aus dem Liedgut. Das betraf sogar Matthias Claudius' "Abendlied", in dem der kranke Nachbar "allen kranken Menschen" und die Brüder der Umformulierung "nun legt euch Schwestern, Brüder" weichen mussten. Es bleibt abzuwarten, ob zum nächsten Kirchentag auch die Schöpfungsgeschichte umgeschrieben sein wird, weil Gott die Menschen in der falschen Reihenfolge erschaffen und auch ein paar Varianten vergessen hat.

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