Meinung
Hunde-Kolumne

Ist es so schlimm, wenn junge Hunde mal knurren?

Unter Experten und Haltern wird kaum ein Thema so kontrovers diskutiert. Friedas Herrchen war lange ratlos

Die erste Überraschung war, dass schon Welpen ganz schön laut knurren können, wenn ihnen etwas nicht passt. Die zweite war, wie unterschiedlich Hundehalter und Experten damit umgehen. Lesen Sie das entsprechende Stichwort spaßeshalber doch mal in verschiedenen Hunderatgebern nach oder gucken Sie mal in die Internetforen zum Thema. Ein riesiges Spektrum ist da abgebildet, das – vereinfacht gesagt – alle Bereiche von "mittlerer Katastrophe" bis zu "halb so schlimm" abdeckt.

Als Hunde-Neuling wird man davon erst mal ganz schön verunsichert. In einigen Ratgebern heißt es klipp und klar, dass sich Herrchen und Frauchen keinesfalls anknurren lassen dürfen und dass viele unerfreuliche Dinge folgen können, wenn man es doch zulässt. Immer Chef bleiben, immer zeigen, wer das Rudel anführt. Knurren sei die Vorstufe von Beißen, steht dort, und das ist ja auch wirklich absolut inakzeptabel.

Als Gegenmittel wird dann immer das "Unterwerfen" empfohlen, also laienhaft beschrieben: den Hund packen und sehr energisch niederdrücken oder auf den Rücken drehen. Welpen- und Hundetrainer haben mir das schon eindrucksvoll demonstriert – klappt immer sofort. Bei denen jedenfalls. Beim eigenen Hund sind solche Aktionen aber deutlich schwieriger, vor allem, wenn einem die Erfahrung fehlt. Hunde merken ja sofort, ob man innerlich wirklich hinter einer Sache steht – genau wie Pferde auch realisieren, ob derjenige etwas kann, der da auf ihrem Rücken sitzt.

Hund Frieda knurrte oft, wenn sie sich beim (Ein-)Schlafen gestört fühlte oder wenn man ihr das Futter streitig machen wollte. Was tun?

Zweimal hintereinander habe er seinem Hund auf die Nase gehauen, "dann war Ruhe", sagte mir neulich ein Bekannter, ein anderer habe seinen Hund "durchs halbe Zimmer geschleudert". Im Internet schreibt ein Mann: "Zieht Bauarbeiter-Handschuhe an und regelt das. Ist schließlich nur ein Hund." Sind das gut gemeinte Ratschläge? Ich bekenne freimütig: Das gefällt mir alles nicht. Gerade kleine Hunde hart anzupacken liegt eben nicht jedem, außerdem habe ich oft das Gefühl, dass wegen einer Lappalie die Situation unnötig eskalieren könnte. Halten Sie mich ruhig für ein Weichei, aber warum kann man es nicht einfach akzeptieren, dass der Hund seine Ruhe haben will? "Wie soll er denn sonst klarmachen, dass ihm etwas nicht passt", sagte neulich eine erfahrene Tierärztin dazu, "kleine Kinder schreien und quengeln dann ja auch." Sie und auch andere empfehlen, die Knurr-Situationen zu umschiffen oder es eben gar nicht erst so weit kommen lassen. Das geht, indem man den Hund einfach ignoriert und weggeht oder mit Geräuschen die krisenhafte Stimmung sozusagen umleitet.

Alles soweit klar, aber: Jederzeit müsse man einem Hund das Fressen entwinden können, steht in vielen Ratgebern. Das könne lebensrettend sein, wenn er etwas Giftiges im Maul hat. Ich halte Sie mal darüber auf dem laufenden, ob und wie gut das bei Frieda künftig klappt. Aktuell? Sagen wir mal: Wir arbeiten dran.

Außer in den beschriebenen Situationen hat Frieda übrigens noch nie geknurrt. Sie geht fröhlich auf Fremde zu, lässt sich gerne streicheln, hat keine Probleme mit anderen Hunden. Ich könnte noch ein paar ihrer Vorzüge aufzählen, aber ich will Sie nicht langweilen. Sie wissen ja sicherlich selbst: Alle Hunde haben ja auch einen individuellen Charakter, und welche Regeln zu wem passen, muss man ausprobieren und sich auch mal auf seinen gesunden Menschenverstand verlassen.

Meine 88 Jahre alte Tante hatte zeitlebens pflegeleichte, liebenswerte Hunde. Wie sie das gemacht habe, wollte ich kürzlich wissen. Drei Grundsätze habe sie beherzigt, an die sich schon ihre Großeltern (!) immer gehalten hatten: 1. Wenn der Hund schläft, wird er nicht gestört. 2. Wenn der Hund frisst, wird nicht gestört. 3. An und in seiner Hütte oder Box hat niemand etwas zu suchen. Das ist sein Rückzugsort.

Den vielen Hunde-Experten mag das zwar etwas hausbacken vorkommen, aber wir halten uns auch an diese Regeln. Und aktuell läuft alles super.

Übrigens: In der kommenden Woche gibt's hier dann auch ein neues Foto von Frieda. Die ist ziemlich gewachsen.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.