Meinung
Leitartikel

Gesichtserkennung: Ein gefährlicher Weg

Wenn die Gesichtserkennung funktioniert, dann wird sie flächendeckend eingesetzt.

In einigen Wochen kommt das neue iPhone heraus. Die Fans fiebern der Markteinführung des Smartphones entgegen. In den einschlägigen Foren spekulieren sie seit Langem darüber, ob es statt des Fingerabdrucksensors mit einer Infrarot-Gesichtserkennung ausgestattet sein wird. Wäre das nicht toll? Und so ungemein praktisch?

Alles, was technisch geht, wird irgendwann auch (mit)gemacht, häufig freiwillig, arg- und kritiklos. Das gilt für den Fingerabdrucksensor, für die Gesichtserkennung oder für die Sprachplattformen, über die Kritiker sagen, damit holten sich die Verbraucher ihre eigenen Abhörgeräte ins Haus.

Wer begreift, was im digitalen Zeitalter heraufzieht, versteht sofort, dass die Aufregung um ein Pilotprojekt zur Gesichtserkennung im Berliner Bahnhof Südkreuz ein politisches Nachhut-Gefecht ist. Die Datenschützer sind schon deswegen auf verlorenem Posten, weil immer mehr Menschen das Recht auf informationelle Selbstbestimmung nicht ernst nehmen und auf ihre Privatsphäre verzichten. Für viele macht es einen Unterschied, ob sie ihre Daten freiwillig abgeben oder nicht, dem Staat oder der Industrie, dem „Netz“. Aber im Ergebnis läuft es aufs Gleiche hinaus: auf informationelle Selbstaufgabe. Im Zweifel ist der Datenschutz beim Staat sogar noch am strengsten geregelt und gerichtsfest.

Innenminister Thomas de Maizière kennt das Zauberwort, das nicht bei Kritikern, aber bei den meisten Wählern verfängt: Gefährder und Terroristen mit der neuen Technik zu überführen wäre ein unglaublicher „Sicherheitsgewinn“. Die Teilnehmer des Berliner Versuchs machen freiwillig mit. Aber wenn die Technik ausgereift ist und eingesetzt wird, haben wir nicht mehr die Wahl und werden es für normal halten, dass man in der Öffentlichkeit nie anonym unterwegs ist. Die Gesichtserkennung ist der nächste Trippelschritt zum Überwachungsstaat.

Nur eine Minderheit wird fragen, ob die Eingriffe in die Grundrechte unbestimmt oder unverhältnismäßig sind. Für die Einführung wird eine andere Frage wichtiger sein, nämlich die Zuverlässigkeit der Überwachung. Die Politik wird Falschtreffer mit all den Folgen vermeiden wollen: falsche Anfangsverdachte und Rechtfertigungszwänge. Sie könnten die gesellschaftliche Akzeptanz – besser gesagt: Gedankenlosigkeit – aushöhlen. De Maizière wird die flächendeckende Einführung erst betreiben, wenn er überzeugt ist, dass das System sicher ist. Ob die Testpersonen in Berlin über einen Chip nicht ausreichend informiert wurden, ist eine Randfrage. Erstens betrifft es nur 300 „Versuchskaninchen“, zweitens sind die negativen Folgen abstrakt, drittens kann jeder aussteigen.

Die Debatte über die rechtlichen Bedingungen und Kautelen für einen flächendeckenden Einsatz steht noch aus. Aber wer gestern den Bedenkenträgern gelauscht hat, hörte zwar viel Stilkritik („Wahlkampfshow“), aber weder die SPD noch die FDP oder die Grünen haben die Gesichtserkennung ausgeschlossen. Sie wird kommen, es ist eine Frage der Zeit und der Macht des Faktischen.

Dann werden Fachleute Details verhandeln. Den meisten Menschen wird das vermeintlich Kleingedruckte der Politik egal sein. Sie werden damit umgehen wie bei einem Onlinekauf. Man hat schon seine Bankdaten abgegeben und muss noch anklicken, mit den Geschäftsbedingungen einverstanden zu sein. Es gibt Menschen, die sie sogar lesen – die meisten scrollen runter und machen ihr Häkchen.