Meinung
Leitartikel

Tourismus: Hamburg ist kein Seebad

Immer neue Touristenrekorde: Wollen wir wirklich 92 Millionen Tagesgäste im Jahr?

Wenn es um steigende Zahlen von Touristen geht, fällt mir immer eine Szene aus Berlin-Prenzlauer Berg ein: Als ich dort vor Jahren einmal meinen Rollkoffer über den Bürgersteig zog, schnauzte mich ein Mann vor einem Café an, ich solle gefälligst nicht so einen Lärm machen und was für eine Plage Touristen doch seien. Der Ärger über rücksichtslose „Partytouristen“, über laute Musik, grölende Besuchergruppen und Uringestank in den Hauseingängen war so groß, dass die Bewohner dem Luft machen mussten – auch wenn ich damals selbst Berlinerin war und nur in den Urlaub wollte.

In Hamburg sind wir zum Glück lange nicht so weit. Nur drei Prozent der Einwohner haben laut einer aktuellen Studie der Hamburg Tourismus GmbH negative Erfahrungen mit Touristen gemacht. Doch dass der Unmut über die negativen Auswirkungen (zu voll, zu viel Verkehr, steigende Preise, zu viel Müll) nicht nur in Stadtteilen wie Alt- und Neustadt, St. Pauli, Sternschanze und HafenCity kontinuierlich wächst, muss ernst genommen werden.

Eine wichtige Grundlage dafür schafft die Tourismus GmbH, die nun jährlich eine repräsentative Umfrage zur Akzeptanz der Bürger bei der Tourismusentwicklung starten will. Doch wenn auf die Erkenntnisse weiterhin nur Ankündigungen – Tourismusströme entzerren, Zahl der Großveranstaltungen reduzieren –, aber keine Taten folgen, könnte die Stimmung kippen.

Und seien wir doch ehrlich: Das Vorhaben, Besucher auch für Stadtteile fernab der City zu begeistern, ist utopisch. Klar wollen Besucher auch immer „das authentische Leben“ mitbekommen, würden aber kaum darauf verzichten, Alster, Landungsbrücken, Reeperbahn und Elbphilharmonie anzugucken. Und solange es bei Großveranstaltungen wichtiger ist, „schöne Bilder, die um die ganze Welt gehen“ zu erzeugen – um damit noch mehr Touristen anzulocken –, als die Hamburger zu entlasten, drehen wir uns im Kreis.

Niemand will Verhältnisse herbeireden wie in Berlin oder Spanien, wo Tourismusphobiker Reisebusse stoppen, die Reifen von Leihfahrrädern zerstechen oder Schlösser von Gepäckschließfächern verkleben. Tourismus ist in Hamburg ein Milliardengeschäft, auf das wir ebenso wenig verzichten wollen wie auf die Eindrücke und das Flair, die Gäste mit in unsere Stadt bringen. Trotzdem sind wir kein Seebad, das von Touristen lebt und auf die Einnahmen angewiesen ist.

Darum können wir entscheiden, welchen Tourismus wir wirklich haben wollen. Und verhindern, dass Trips in unsere schöne Stadt immer mehr Eventcharakter bekommen und wir uns mit Angeboten für Touristen danach richten. Nicht nur auf dem Kiez, der, wie Buchautor Michel Ruge jüngst im Abendblatt zu Recht feststellte, drohe seine Seele zu verlieren.

Und wir sollten uns wirklich fragen, ob wir weiter einen Rekord bei den Übernachtungszahlen nach dem anderen haben wollen. Bis 2025 erwarten Experten einen Anstieg auf 20 bis 25 Millionen Übernachtungen und bis zu 92 Millionen Tagesgäste pro Jahr – man kann sich vorstellen, wie dann die Akzeptanz-Umfrage aussehen wird, Stichwort „zu voll“. Es geht um überfüllte Straßen, Busse und Bahnen, um Hafenfähren, die zu Ausflugsdampfern verkommen, um die Luftbelastung durch immer mehr Kreuzfahrtschiffe, um wichtigen Wohnraum, der als Ferienunterkunft zweckentfremdet wird. Die Einbußen an Lebensqualität werden durch die Tourismus-Einnahmen dann ganz sicher nicht mehr ausgeglichen.