Meinung
Gastbeitrag

Warum der Einzelhandel wichtig für die Stadt ist

Online-Shopping auf der Couch ist bequem und einfach. Doch was bleibt dann noch vom urbanen Leben übrig?

Es ist noch gar nicht so lange her, da schrieb der niederländische Architekt Rem Koolhaas: "Shopping dürfte wohl die letzte noch übrig gebliebene Form der öffentlichen Aktivität sein." Das war im Jahr 2002, als gleichzeitig zahlreiche Stadtplaner vor einer Verarmung der Innenstädte und Privatisierung des öffentlichen Raums warnten. Nach der Verbreitung des Smartphones, die acht Jahre später einsetzte, ist mittlerweile selbst Shopping kein Grund mehr, die Innenstadt aufsuchen zu müssen. Die ständige Verbindung mit dem Internet macht Online-Shopping von unterwegs oder von der Couch aus bequem und einfach. Besonders sonntags wird gerne im Internet gekauft.

Zwei Jahre nach Koolhaas' Publikation "The Harvard Design School Guide to Shopping" mit dem berühmt gewordenen Zitat hat Hamburg mit dem Gesetz zur Stärkung der Einzelhandels-, Dienstleistungs- und Gewerbezentren begonnen, sich als Shopping-Metropole herzurichten. Mit Erfolg, wie man sieht. Keine andere Stadt hat derart viele sogenannte Business Improvement Districts wie Hamburg. Immer noch sind attraktiver Einzelhandel und attraktive Innenstädte eng miteinander verbunden, aber längst ist eine attraktive Innenstadt kein Garant mehr für hohe Umsätze im Einzelhandel.

Am Neuen Wall lässt sich erfahren, was es heißt, wenn nicht nur hohe Mieten, sondern auch noch der Beitrag für die Finanzierung des öffentlichen Raums von den Händlern mit ihren stationären Geschäften erwirtschaftet werden müssen. Traditionsgeschäfte müssen weichen, aber gerade sie sind es, die die Individualität der Einkaufsstraßen ausmachen.

Seit jeher war der Marktplatz das Zentrum der Stadt, des Stadtteils oder des Quartiers. Menschen kamen hierher, um ihre Besorgungen zu machen, und so wurde der Marktplatz zum Ort der Begegnung, der Darstellung oder der politischen Meinungsäußerung – im schlimmsten Fall der politisch verklärten Randale, wie wir es während des G20-Gipfels erlebt haben und die dem Einzelhandel so schwer zugesetzt hat.

Die traurige Vision von Koolhaas ist nicht Realität geworden. Der Einzelhandel erfüllt trotz wachsenden Online-Handels immer noch eine öffentliche Funktion. 60 Prozent der Innenstadtbesucher kommen zum Einkaufen in die Stadt, wie das Institut für Handelsforschung in seiner Studie "Vitale Innenstädte" ermittelt hat. 40 Prozent kommen also aus anderen Gründen.

Aber es ist der Einzelhandel, der die Stadt gestaltet, so wie er die Schaufenster gestaltet, die die Blicke der Besucher anziehen. Er gibt denkmalgeschützten Gebäuden neuen Inhalt und öffnet sie für alle. Aber es fällt dem Handel zunehmend schwer, ganze Areale lebendig und attraktiv zu halten, wenn digitale Marktplätze und digitale Schaufenster an Bedeutung gewinnen.

Dass in Hamburgs Einkaufsstraßen immer weniger Passanten flanieren, hat erst kürzlich wieder eine Untersuchung des Immobiliendienstleisters Jones Lang LaSalle bestätigt. In der HafenCity soll in wenigen Jahren ein überdimensioniertes Shopping-Center für Urbanität und Frequenz sorgen. Die Folge werden Umsatzeinbußen an anderer Stelle sein, vor allem in der Innenstadt.

Das Überseequartier mit seinen 68.000 Quadratmetern Einzelhandelsfläche ist die Antwort aus der Vergangenheit auf die Frage der Zukunft: Wie sieht urbanes Leben im digitalen Zeitalter aus? Aber wer wird für Frequenz sorgen, wenn nicht der Einzelhandel? Die stete Folge von Großevents ist dabei sicherlich nicht die Art von Urbanität, die die Hamburger wollen.

Die Politik sollte erkennen, was der Einzelhandel für die Stadt tut, für den öffentlichen Raum und für die Lebendigkeit der Quartiere. Sie sollte anerkennen, dass der Handel durch die Randalierer beim G20-Gipfel stark getroffen wurde. Der Wunsch nach zwei verkaufsoffenen Sonntagen in der ­Adventszeit als Kompensation für die hohen Umsatzeinbußen in der G20-Woche ist vergleichsweise bescheiden angesichts der Bedeutung des Einzelhandels für die Stadt. Dazu wäre nichts weiter nötig als ein Konsens und die positive Wahrnehmung eines lebendigen Marktplatzes, auf dem Menschen sich begegnen.

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