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Heinrich Böll würde sich für seine Stiftung schämen

Grünen-nahe Institution stellt Journalisten an Internet-Pranger – wegen "heteronormativer" Ansichten

Heinrich Böll war ein Großmeister des Wortes. Seine Bücher erzählen vom Muff der Wirtschaftswunderjahre, von deutschen Irrungen und Wirrungen, von Restauration und Katholizismus. 1972 bekam er den Literaturnobelpreis für seinen "zeitgeschichtlichen Weitblick" und sein "sensibles Einfühlungsvermögen". Sein wohl bekanntestes Werk erschien 1974: "Die verlorene Ehre der Katharina Blum". Darin beschreibt Böll, wie Rufmord und Hetze einen Menschen zerstören, wie Menschen zu Unrecht an den Pranger gestellt werden.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die bis dato anerkannte Heinrich-Böll-Stiftung nun die Wiedereinführung des Prangers mitfinanziert. Über das eigene Gunda-Werner-Institut hat sie ein "kritisches Online-Lexikon" im Internet freigeschaltet, das vermeintliche "Antifeministen" auflistet und alles zusammenrührt, was vermeintlich homophob und genderkritisch, wenn nicht rechtsradikal ist.

Dabei werden nicht nur Organisationen und Theorien, die man verdächtig findet, aufgelistet, sondern auch Einzelpersonen angeprangert. Der Name der Aktion zeigt schon, dass offenbar einige Synapsen bei den Verantwortlichen durchgebrannt sind: Agentin.org.

Gut, dass Heinrich Böll das nicht mehr miterleben muss. Denn die Agent*innen paaren erschreckende Humorlosigkeit mit einem stasihaften Verfolgungswahn. Während die Verfasser anonym bleiben, man müsse sie "leider" vor persönlichen Angriffen schützen, werden die Bösen gnadenlos enttarnt.

Der "Zeit"- und "Tagesspiegel"-Kolumnist Harald Martenstein findet sich so am medialen Pranger wieder. Er wird beschrieben als "deutscher Journalist, der heteronormative Positionen vertritt". Heteronormativ bedeutet wohl: ein überzeugter Anhänger des Zusammenlebens von Mann und Frau. Das macht ihn den Genderfanatikern verdächtig. Ihre Beweise: "In dem Artikel ,Schlecht, Schlechter, Geschlecht' kritisierte Harald Martenstein die Gender-Forschung als ,Antiwissenschaft'. Er spielte in diesem Artikel die Paläontologie gegen die Genderforschung aus." Ein starkes Stück – das von Martenstein. Und ein ironisches dazu, weil seine Texte stets kleine literarische Gemeinheiten sind. Aber Pardon wird nicht gegeben. Die Humorbefreiten erwarten, "statt also Äpfel mit Birnen, das heißt Genderprofessuren mit Professuren in der Paläontologie, zu vergleichen, wäre es sinnvoller gewesen, wenn Martenstein alle Professuren an deutschen Hochschulen als Relation verwendet hätte". Das hätte seine Kolumne sicher viel lesenswerter und lustiger gemacht.

Aber nicht nur Martenstein hat sich bei der Stiftung in der Kategorie Journalist*in verdächtig gemacht, auch Alexander Kissler oder Matthias Matussek fielen den Genderjägern unangenehm auf. Matussek, so weiß der Eintrag, ist Katholik (so wie übrigens auch Heinrich Böll). Schlimm. Und er "fiel immer wieder mit antifeministisch, homophob oder islamfeindlich ausgerichteten Äußerungen auf". Alexander Kissler hat sich den Eintrag verdient, weil er vom "totalitären System der Gender-Dogmatiker" geschrieben hat. Wie kann man darauf nur kommen? Zum Beispiel durch ein Nachschlagewerk, das mit Schlagworten Journalisten und Andersdenkende denunziert – und das alles im Sinne einer vermeintlich guten Sache. Die etablierten Publizisten können die Nennung als Auszeichnung nehmen; für junge Kollegen aber wirkt so ein Interneteintrag eher wie ein Berufsverbot in vielen Medien. Nebenbei senden die Agent*innen die Botschaft: "Passt auf, liebe Journalist*en, was ihr schreibt. Sonst kommt ihr auf unsere Liste." Und das im Namen von Heinrich Böll!

Zusätzlich verstört, dass die Stiftung die Kritik vieler Medien aussitzt und ignoriert. Die "taz", die "FAZ", die "Welt" und die "Spiegel"-Kolumnistin Margarete Stokowski haben die Verirrungen benannt und kritisiert. Die Stiftung schweigt still. Vielleicht sollte sie nachschlagen, wie ihr eigener US-Büroleiter die Trump-Wahl erklärt hat: "Wir müssen raus aus der Blase! Wir müssen raus aus unseren eigenen Facebook-Echokammern. Wir müssen erklären, zuhören und mit Andersgesinnten Kontakt suchen. Sonst sind wir selbst Teil des Problems und nicht der Lösung."

Hinweis: Am Abend war die Seite offline – sie soll überarbeitet werden

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