Meinung
Kommentar

Ein Fehler im Krankenkassen-System

Christoph Rybarczyk

Christoph Rybarczyk

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Unter den Tricks bei der Abrechnung leiden die Patienten am meisten

Was soll die Aufregung? Vordergründig ist doch gar nichts passiert! Eine Krankenkasse bittet Ärzte um eine möglichst genaue Diagnose, damit die Abrechnung punktgenau ist. Die Formulierungen für die Ärzte und Erklärungsversuche für die Öffentlichkeit lesen sich so wachsweich, dass sie den eigentlichen Skandal verschleiern: Hier sollen systematisch Patienten mit „normalen“ Dia­gnosen zu Schwerkranken hochgejazzt werden. Und wem nützt es? Der Kasse, die die Regeln im Finanzausgleich aller gesetzlichen am besten lesen und die meisten Ärzte überzeugen kann.

So darf moderne Medizin nicht funktionieren. Ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse von Patienten wird hier ein Fehler im System mit Ellenbogen-Mentalität ausgenutzt. Dabei soll ja gerade die gesetzliche Krankenversicherung das Solidarische hochhalten. Soll keine Kasse bestraft werden, die besonders viele sehr kranke und somit sehr teure Versicherte hat. Soll ein ausgeklügeltes Gebilde verhindern, dass sich wenige Clevere am Milliardentopf Gesundheit schamlos bedienen.

Mit den richtigen Diagnosen Profit abschöpfen – das ist die jüngste Perversion eines undurchschaubaren Systems. Die Politik hat es so gewollt. Und auch die schwarz-rote Bundesregierung läuft mit ihrer Regulierungswut diesen Praktiken hilflos hinterher. Experten werden sich wieder hinsetzen müssen und den „Morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich“ reformieren.

Ratlos zurück bleibt der Patient. Dabei ist er der Gekniffene. Wird ihm eine Diagnose untergeschoben, die übertrieben ist, kann das beim Abschluss einer Berufsunfähigkeits- oder Lebensversicherung erhebliche Folgen zeigen. Und wie bei manchen Versicherungen mit Patientendaten umgegangen wird, das ist nur noch abenteuerlich.