Meinung
Leitartikel

Das muss der neue Oberbaudirektor anpacken

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Oliver Schirg

Hamburgs künftiger Oberbaudirektor Franz-Josef Höing sollte vor allem für Wohnungen sorgen.

Die Fußstapfen sind verdammt groß. Wenn der bisherige Kölner Baudezernent Franz-Josef Höing im Spätherbst sein Amt in der in Wilhelmsburg gelegenen Stadtentwicklungsbehörde antreten wird, dürfte es ihm schwer fallen, den Vergleich mit seinem Vorgänger Jörn Walter zu bestehen.

Das ist weder ungewöhnlich noch ehrenrührig. Schließlich füllte Jörn Walter das Amt immerhin 18 Jahre aus. Dabei profitierte er von einer besonderen Gabe: Er konnte Stadtentwicklung lebendig machen. Wenn Jörn Walter erst einmal ins Reden, Erklären und Schwärmen gekommen war, hing fast jeder Zuhörer an seinen Lippen.

Höing, so heißt es, sei eher ein zurückhaltender Mensch. Gleichwohl ist sein Lebenslauf beeindruckend: viele Jahre freier Stadtplaner, Professor für Städtebau in Münster, Senatsbaudirektor der Freien und Hansestadt Bremen und zuletzt oberster Stadtplaner in Deutschlands viertgrößter Metropole Köln. Das lässt auf Erfahrung schließen und darauf, dass da nicht jemand aus seinem Elfenbeinturm heruntersteigt und den Praktikern erklären will, wie man es richtig macht. Andererseits dürfte die Tatsache, dass Höing immer auch an Hochschulen engagiert war, für die notwendige Nähe zur Wissenschaft sorgen.

Das Amt eines Hamburger Oberbaudirektors ist einzigartig in Deutschland in seiner Machtfülle und Gestaltungsfreiheit. Der „OD“, wie er in der Behörde gemeinhin genannt wird, gilt sozusagen als letzte Instanz, was Architektur und Planung der Stadt angeht. In städtebaulichen Wettbewerben kommt es auf seine Stimme an. Großprojekte müssen sich nach seinen Vorstellungen richten.

Legendär ist die Arbeit von Fritz Schumacher. Die Jarrestadt beispielsweise, die Wohngebiete in Dulsberg, in Barmbek oder auf der Veddel hat er „erfunden“. Schumacher liebte den roten Backstein. Jörn Walter entwickelte und prägte die HafenCity. Unter seiner Führung richtete die Stadtplanung ihren Fokus wieder auf die innere Stadt. Er legte die Grundlagen für die Entwicklung von Hamburgs Osten.

Das aber vielleicht größte Geschenk, das Walter seinem Nachfolger machte, ist der Verzicht auf eine weitere „halbe“ Amtszeit. Die HafenCity ist durchgeplant, in angestammten Wohnvierteln gibt es kaum mehr Baulücken. Selbst große innerstädtische Bauprojekte wie die Neue Mitte Altona, die Holsten-Quartiere oder das Quartier an der Trabrennbahn Bahrenfeld sind im Großen und Ganzen entschieden.

Franz-Josef Höing kann daher seine ganze Kraft auf Hamburgs Osten konzentrieren. Ihm muss durch kluge Stadtplanung gelingen, Stadtteile wie Hamm, Horn, Rothenburgsort, Billbrook oder Billstedt nicht nur aufzuwerten, sondern sie zu Vierteln zu machen, in denen Wohnen und Arbeiten gleichberechtigt nebeneinander funktionieren.

Höing wird auch daran gemessen werden, ob er Hamburg „an neuen Orten“ – am Stadtrand beispielsweise – so entwickelt, dass bei einem Nachlassen des Immobilienbooms keine Banlieues entstehen, wie wir sie aus Frankreich kennen: verstädterte Bereiche in den Randzonen einer Großstadt, die zu Orten von Abgehängten werden.

Die aber wohl größte Aufgabe, vor der Franz-Josef Höing steht, ist die Gestaltung des Kleinen Grasbrooks. Spätestens seit der gescheiterten Olympiabewerbung weiß man, dass hier ein Viertel mit 8000 Wohnungen möglich und sinnvoll wäre. Höing muss jetzt aus der Idee ein Projekt machen.

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