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Der Tag, den Hamburg nicht vergessen wird

| Lesedauer: 8 Minuten
Friederike Ulrich, Nico Binde, Genevieve Wood

Leere Straßen am Morgen, ungewohnte Stille in der City. Dann kommen die Staatschefs – und auf den Straßen geht fast nichts mehr

A

m Hofweg geht nichts mehr. Draußen Sonne, ansonsten nur Stau für Autofahrer: vorne Stau, hinten Stau und kein Weg zum Entrinnen. Für die Protokollstrecken der G20-Gäste ist bis zum Abend fast die gesamte Innenstadt abgeriegelt. Auch auf der Krugkoppelbrücke und der Hallerstraße: Stillstand. Ines Mohr hat von Bahrenfeld bis nach Harvestehude fast zwei Stunden gebraucht. „Ich habe gehofft, dass ich noch schnell durchkomme“, sagt sie. Hat nicht geklappt.

Andererseits: Die Radfahrer jubeln. An vielen Stellen dürfen sie durch die Absperrungen auf leer gefegte Straßen schlüpfen. Für einen Tag geht ein Traum in Erfüllung: Hamburg ist Fahrradstadt. Über Nacht. Jungfernstieg, Grindelallee, Alsterglacis, Kennedy­brücke. Wo sonst sechsspuriger Verkehr tobt – Ruhe. Leise surren die Räder über den Asphalt. Nie war Fahrradfahren entspannter. „Das ist wie am autofreien Sonntag“, sagt ein Radler. Nur der Hubschrauberlärm stört.

Andächtige, fast gespenstische Stille liegt am Ankunftstag der Vertreter der wichtigsten Industrie- und Schwellenländern neben dem Rotorkrach über weiten Teilen der Innenstadt. Während die Delegierten per Kolonne durch die Stadt gelotst werden, ist in der City Totentanz. An der Mönckebergstraße ist jeder dritte Laden mit Holzplatten und Bauzäunen gesichert. Viele Büros, Kanzleien und Praxen sind bis Montag geschlossen. Die Angestellten, sonst während der Mittagspause draußen, fehlen.

Ado wird mit seiner Kamera zum Kolonnenspotter

Auch dort, wo Ado sitzt, fehlt etwas: der Verkehr. Ado ist spontan Kolonnenspotter geworden, hat seinen Regieklappstuhl auf einer Verkehrsinsel an der Grindelallee aufgebaut. Seine Kamera ist auf einem Stativ befestigt und auf die Straße gerichtet. Jetzt wartet er auf die Fahrzeuge der Staatsgäste. Eine niederländische Delegation war schon da, die hat er gefilmt. Aber die scheint Nebensache zu sein, denn der 40-Jährige will Trump erwischen. Der landet am Nachmittag weit weg mit dem Hubschrauber am Alsterufer. Pech gehabt.

Am Wasser macht die verwaiste Stadt der Alster-Touristik zu schaffen. „Es ist Topwetter, aber die Schiffe sind leer“, stöhnt ein Kapitän ohne Passagiere. Während die Alsterschiffe ihre regulären Touren fahren, aber mit Verlust­geschäften rechnen, bleiben in den Colonnaden etliche Geschäfte geschlossen. Der Einrichtungsladen Abrahams Ambiente hat auf: „Wie fühlen uns sicher, direkt neben uns liegt der Hinterausgang des Hotels Vier Jahreszeiten“, sagte ein Mitarbeiter. „Der wird gut bewacht.“

Im Nahverkehr auf Schienen ist dagegen alles wie immer. Nicht voller oder leerer. Voll normal. Einige warten in der Innenstadt zwar vergebens auf den Bus, der nicht kommen wird. Andere stehen in Winterhude im Bus im Megastau. Aber sonst: Bis zum späten Abend kaum Probleme auf den Gleisen.

Ärgerliche Folgen hatten die Sicherheitsmaßnahmen überirdisch auf der Uhlenhorst. Für eine Schule am Winterhuder Weg wird der Caterer nicht durchgelassen. Die Schüler bekommen kein Mittagessen.

Viele Eltern haben bereits am Ankunftstag ihre Kinder zu Hause gelassen und nicht in die Schule geschickt. An der Rudolf-Ross-Grundschule in der Neustadt sind nur 44 von 360 Kindern da. Der Rest ist zu Hause geblieben oder hat mit den Eltern gleich die Stadt verlassen. Am Struensee Gymnasium in Altona-Altstadt fehlt etwa ein Viertel der Schüler, so Schulleiter Frank Berend. Im Vorfeld abmelden können die Eltern ihre Kinder nicht, sie melden sich alle Donnerstagmorgen telefonisch. „Wenn es den Eltern zu gefährlich erscheint, ihre Kinder zur Schule zu schicken, akzeptieren wir das“, sagt Berend.

Die Schulbehörde hatte schon zuvor in einem Schreiben deutlich gemacht, dass der Unterricht grundsätzlich stattfindet und die allgemeine Schulpflicht gilt. Für die Schulen im Umkreis der G20-Sicherheitszonen können Eltern ihr Kind zu Hause lassen, wenn „dem Schulbesuch unüberwindbare Hindernisse entgegenstehen sollten“, sagt Behördensprecher Peter Al­brecht. Das empfinden wohl viele Eltern. Am Gymnasium Allee in Altona-Altstadt fehlten 100 Schüler. Schulleiter Ulf Nebe rechnet damit, dass es heute noch mehr sein werden. In Kindertagesstätten herrscht ebenfalls Schwund. Eine Kita in Eimsbüttel meldet, dass heute in einer Gruppe nur ein Kind kommen wird. Sonst sind es 20 Kinder. Heißt: Es gibt ausnahmsweise eine Eins-zu-eins-Betreuung. Dank G20.

In der Innenstadt spielen sich indes skurrile Szenen ab. Mangels Kundschaft üben Angestellte eines Sportladens vor der Tür Federball. Sonst kommt man ja zu nichts. Im Schanzenviertel in der Nähe des Gipfel-Tagungsorts, den Messehallen, verteilt ein Postbote ungerührt Briefe: „Ich kenne das ja schon“, sagt er und zuckt unbeeindruckt mit den Schultern. Um ihn hängen Spruchbänder aus den Fenstern: „Eure Lösungen sind unsere Probleme.“ Währenddessen bricht der Verkehr ab Mittag auf St. Pauli zusammen. „Welcome to Hell“ ist der Grund: Die gleichnamige, angekündigte Demonstration beginnt um 16 Uhr. Die Buslinien 111 und 114 müssen vorübergehend außerplanmäßig eingestellt werden. Auch bei der Metrobuslinie 6 kommt es zu Störungen. Insgesamt zieht der HVV aber eine positive Bilanz. „Unser Gesamtkonzept ist aufgegangen, auch wenn es für Einzelne zu Verspätungen kam“, so Hochbahnsprecher Christoph Kreienbaum.

Der Plan von Ines Mohr im Stau auf der Hallerstraße ist dagegen nicht aufgegangen. Ihr Ziel an diesem Tag liegt noch weit weg: Es soll nach Schwerin gehen. Jetzt steht sie seit zwei Stunden im Stau und wirkt trotz der stressigen Autofahrt gut gelaunt. Genau wie Kim Jenifer Reimer, deren Weg von Altona nach Barmbek-Süd führt. Auf der Krugkoppelbrücke geht gar nichts mehr, die Autos stehen. Auch ihre Fahrzeit bis hier: zwei Stunden.

Restaurant versorgt Autofahrer im Stau mit Pizza

„Wegen G20 bin ich extra früh losgefahren, aber hiermit habe ich nicht gerechnet“, sagt sie. Auch sie lacht. Noch. Die Autofahrer, sagt sie, blieben überwiegend ruhig. Dennoch: „Ich finde, so etwas kann man besser regeln.“ Am heutigen Freitag fährt sie gar nicht erst zur Arbeit. Pizza für alle gibt es ein paar Meter weiter, im Megastau von Winterhude. Weil sich nichts bewegt, kann der Laden La Bruschetta locker in die Fahrzeuge liefern. Weil kaum noch etwas geht – außer für Fußgänger und Fahrradfahrer – ruft die Hochbahn Autofahrer dazu auf, auf Bus und Bahn umzusteigen. Auch der Hamburger Flughafen warnt Reisende vor Staus bei der Anreise zum Airport-Gelände.

In der Notaufnahme des Marienkrankenhauses mussten mehrere Patienten behandelt werden, die aufgrund der Straßensperrungen nicht in die Krankenhäuser gebracht werden konnten, in die sie eigentlich gefahren werden sollten. Außerdem wurden drei Patienten versorgt, die im Stau gestanden und wegen der Hitze im Auto kollabiert waren, so Michael Wünning, leitender Arzt der Notaufnahme. Schüler, die heute nicht zur Schule gehen, sind übrigens eventuell auf der Demonstration „Jugend gegen G20“. Der Protest, organisiert von der Lehrergewerkschaft GEW, ist nicht unumstritten. Die Schulbehörde hatte gewarnt, dass eine Teilnahme am Streik während des Unterrichts gegen die Schulpflicht verstoße. Lehrer, die sich am Streik beteiligten, würden gegen die Dienstpflicht verstoßen. Davon lassen sich die Schüler nicht abhalten, sagte Zazie Götz von der Gruppe „Jugend gegen G20“. „Wir erwarten 400 bis 800 Teilnehmer und eine geile Demo.“

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