Meinung
Leitartikel

Die Hamburger Abitur-Legende

Sechs Thesen zu einem Schulabschluss, der sich gewandelt hat.

Wenn es um das Abitur geht, wird viel verklärt. Früher waren die Prüfungen noch richtig schwer, meinen sich die Älteren zu erinnern; nur die Besten kamen durch. Und das bestandene Abitur eröffnete den Absolventen die Welt. Wobei das Hamburger Abschlusszeugnis schon immer einen zweifelhaften Ruf hatte – das galt als auffälligster Ausdruck des Süd-Nord-Gefälles in der bundesdeutschen Schullandschaft. Doch was ist Wahrheit und was Legende?

Erstens: Es gibt keine Belege dafür, dass das Niveau abgesenkt wurde. Doch das Abitur ist – nicht nur in Hamburg – berechenbarer geworden und damit vielleicht auch einfacher. Die Schüler erfahren bereits zwei Jahre vor den Prüfungen, welche Schwerpunktthemen drankommen, trennen während der Oberstufe laufend zwischen Wissen, das fürs Abitur relevant ist, und dem übrigen. Entsprechend gezielt können sie sich vorbereiten.

Zweitens: Für den steilen Anstieg der Abiturientenzahl in Hamburg sind maßgeblich die Stadtteilschulen verantwortlich. Das ist insofern zu begrüßen, als die neue Schulform auch Nicht-Gymnasiasten, die das Zeug dazu haben, den Zugang zum höchsten deutschen Schulabschluss ermöglicht. Allerdings zeigen die im Durchschnitt niedrigeren Abiturnoten der Stadtteilschüler und ihre schwachen Leistungen gerade in Mathematik auch die Probleme. Zumindest in Mathe ist die höhere Zahl der Abiturienten – in beiden Schulformen – mit einer Absenkung der Leistungen erkauft.

Drittens: In Hamburg eine gute Abiturnote zu erzielen ist ohnehin leichter als in manchen süddeutschen Bundesländern. Das liegt nicht etwa an einfacheren Aufgabenstellungen, wohlwollenden Lehrern oder den Präsentationen, die die Schüler anstelle einer mündlichen Prüfung zu Hause vorbereiten können. Die Ursache ist in den unterschiedlichen Prüfungsordnungen der Länder zu finden. In Hamburg können die Abiturienten deutlich mehr schwache Kurse aus der Wertung herauslassen. Die Kursleistungen der Oberstufe aber machen zwei Drittel der Abiturnote aus.

Viertens: Auch deshalb ist das Abitur 2017 bundesweit zwar besser vergleichbar als früher (was hoch anzurechnen ist!), wirklich vergleichbar aber noch längst nicht. Dafür müssten die Kultusminister echten politischen Willen zur Vereinheitlichung aufbringen. Die meisten von ihnen sind dazu zwar bereit, aber nur unter der Bedingung, dass sich ein gesamtdeutsches Regelwerk an den Richtlinien ihres eigenen Landes orientiert. Deshalb dürfte der Weg zu einem echten Zen­tralabitur in Deutschland lang sein.

Fünftens: Dass sich die Hansestadt angesichts des notorisch schwachen Ansehens des Hamburger Abiturs einer stärkeren Vergleichbarkeit der Abschlussprüfungen stellt – ja: diese sogar angestoßen hat –, ist mutig und verdient Anerkennung. Es zeigt, dass die Schulbehörde die Herausforderung annimmt. Das verbindet sich aber mit einem klaren Auftrag: Nun muss an der Qualität gearbeitet werden.

Sechstens: Zur Wahrheit gehört auch, dass sich das Abitur in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Es ist nicht mehr der glanzvolle Ritterschlag des Bildungswesens, der den Schülern umfassendes Wissen nebst intellektueller Reife bescheinigt und ihnen eine Erfolgskarriere garantiert. Sondern Zwischenstation in einer auf festgelegte Lerninhalte, Tempo und Effizienz ausgerichteten Ausbildung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.