Meinung
Jungs Zeitgeist

Wie geht man cool in den Ruhestand?

Vielleicht einen Tweet an Trump schicken. Oder die Schilleroper retten. Einige Überlegungen aus gegebenem Anlass.

Liebe Leserin, lieber Leser, heute ist es so weit: Nach vier Jahren lesen Sie hier meine letzte Kolumne im Abendblatt. Einige werden vielleicht fragen: Was ist denn passiert? Eigentlich nichts, nur bereite ich mich mit aller gebotenen Coolness auf den Unruhestand vor.

Als ich diese Kolumne übernahm, war mir nicht ganz klar, auf welche Herkulesaufgabe ich mich da einließ. „Zeitgeist“! Das umfasst ja ein gewaltiges Themenspektrum, von „Dinner for One“ über „German Angst“ bis Drogenhandel, „und das Ganze am besten ganz federleicht und locker geschrieben“, hieß es aus der Redaktion. Abgabe war immer Dienstag. Jetzt kann ich es ja zugeben: Schon sonntagabends beim „Tatort“ breitete sich in meinem Nacken ein nervöses Ziehen aus. Über was schreibst du dieses Mal? Über die psychologischen Abgründe des HSV? Über die albernsten Bildbände auf Grabbeltischen („Deutschlands Traktoren“)? Über Haltungsschäden durch Smartphones? Oft hatte ich am Montag endlich ein weltpolitisch bedeutsames, ernsthaftes Thema entwickelt – nur um am Dienstag alles zu löschen und über meinen persönlichen Aufreger zu schreiben, zum Beispiel Erlebnisse mit ungewöhnlichen Handwerkern.

Ab jetzt ist mein Thema „Pläne im Rentenalter“. Wie Heino Ferch als „Allmen“ sagt: „Man sollte immer etwas haben, das man einen Plan nennen könnte.“ Ein Rentnerkollege zum Beispiel behauptet seit zwei Jahren, er schreibe endlich den Krimi über das ultimative Verbrechen; eine Freundin sammelt Witze, um sie später in einem Podcast persönlich vorzulesen. Ich habe anderes zu tun. Hier eine erste To-do-Liste:

Ich schicke all die koreanischen Spam-Mails zurück, die ich neuerdings kriege, weil ich Jung heiße und die da in Korea irgendwas missverstanden haben.

Ich rette die Schilleroper vor dem Abriss.

Ich sehe endlich noch mal in Ruhe alle „Herr der Ringe-Filme, danach alle „Harry Potter“- und Alien-Filme, alle Filme der Gebrüder Coen, „Findet Nemo“ und „Findet Dorie“.

Ich schreibe einen offenen Brief an die G20: „Liebe G20, unserer Senatskanzlei ist da ein ganz blöder Fehler unterlaufen. Tagungsort eures Gipfels im Juli ist nicht die Hamburg Messe, sondern das Kraftwerk Moorburg (Moorburger Schanze, 21079 Hamburg). Bringt nicht die ganze Stadt durcheinander und ist auch billiger. Euer Senat.“

Ich frage Bundesernährungsminister Christian Schmidt, warum vegane Wurst nicht mehr Wurst heißen darf. Weil sie kein Fleisch enthält? Dann müssen wir auch Zitronenfalter umbenennen (enthalten keine Zitronen und falten auch keine) und Knallerbsen (keine Erbsen), von Konzertflügeln ganz zu schweigen. Sagt mal, habt ihr in Berlin nichts Besseres zu tun?

Ich schreibe einen Tweet an Donald Trump: „Hi Donald, weißt du, was wir gemeinsam haben? a) Wir beide mögen „Findet Dorie“. b) Wir sind beide nicht der mit Stimmenmehrheit gewählte Präsident der USA.“

Ich stehe ab sofort auch als Beraterin für Martin Schulz zur Verfügung. Lieber Herr Schulz, versuchen Sie’s mit einem Tattoo auf alle Knöchel der linken Hand: W-I-L-L-Y. Das wird vielen Menschen Tränen der Rührung in die Augen treiben. Sie sehen: Ich bin schon fast wieder komplett verplant. Das geht ganz schnell.

Aber etwas wird mir fehlen: Am schönsten waren Ihre Zuschriften, liebe Leserinnen und Leser. Sie haben mir in vier Jahren so viele nette, lehrreiche, anregende Mails und Briefe geschrieben, wie es sich eine Journalistin nur wünschen kann. Nicht nur zu weichen Themen wie Miss Marple oder dem Aussterben der Urlaubspostkarte. Zu brisanten Vorgängen wie Griechenland, Panama Papers oder Volksbegehren erreichten mich ganze Politikentwürfe, und besonders viele von Ihnen schrieben, wenn ich über Erfahrungen mit Telekom und Bahn oder mit dubiosen Angeboten zur Computer-Optimierung berichtet hatte. Nach meinem Eindruck vergeudet halb Deutschland lange Lebensjahre in Callcenter-Warteschleifen und mit Schadensbegrenzung nach IT-Reinfällen ... Leserbriefe richten auf. Bleiben Sie wachsam, melden Sie sich zu Wort. Ich werde Sie vermissen.