Meinung
Gastbeitrag

Funktioniert unser Aufstiegsversprechen noch?

Professor Dr. Michael Göring (60) leitet die „Zeit“-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius in

Professor Dr. Michael Göring (60) leitet die „Zeit“-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius in

Foto: Marcelo Hernandez

Mit Bildung zum Erfolg: Die deutsche Leitkultur muss auch für Migranten gelten. Aber sie sind ebenfalls in der Pflicht

Der Wahlsieg Erdogans in der Türkei ist nicht unwesentlich durch die Stimmen derjenigen zustande gekommen, die außerhalb der Türkei leben. In Deutschland hat das erneut dazu geführt, nach Verbesserungen der Integrationsbemühungen zu rufen und wieder einmal die Leitkultur als Ziel zu erklären. Der Begriff ist seit Jahren im Gespräch und sein möglicher Inhalt ex­trem umstritten. Dabei gibt es eine Leitkultur, die Deutschland und viele europäische Länder über Jahrhunderte entwickelt haben und die sich sehr gut mit Menschen verbinden lässt, die auch von weit her zu uns kommen: Es ist das Bildungs- und Aufstiegsversprechen.

Über Jahrhunderte haben wir in Deutschland verfolgen können, wie sehr es sich lohnt, auf die eigene Bildung und die Ausbildung der Kinder den größten Wert zu legen. Der Weg von Knecht oder Hilfsarbeiter zum angelernten Arbeiter, zum Facharbeiter, zum Gesellen, zum Vorarbeiter, zum Meister, zum Hochschulabsolventen, der sich oft über Generationen verfolgen lässt, hat immer eine größere Befreiung von Bindungen und Abhängigkeiten mit sich gebracht. Der/die Einzelne wurde mit jedem Schritt stärker selbst verantwortlich und gewann dadurch an Selbstbewusstsein. Er/sie hat die Zunahme an Bedeutung gespürt, durch gesellschaftliche Anerkennung beispielsweise im örtlichen Verein oder in der Nachbarschaft und durch ein wenig mehr in der Lohntüte.

Mehr Bildung, mehr Einsatz gerade in jungen Jahren führen zu Aufstieg – das war ein Versprechen, das wie Kitt die Gesellschaft band, das an die nächste Generation weitergegeben wurde, auch an diejenigen, die in den 1960er-Jahren als Gastarbeiter zu uns kamen. Funktioniert es nicht mehr?

In meiner Tätigkeit für eine große deutsche Stiftung, die seit Jahren Bildungs- und Integrationsprogramme entwickelt und anbietet, mache ich die Erfahrung, dass das alte Versprechen als Hoffnung/Erwartung noch immer wirkt. Wenn Sie Kinder und Jugendliche aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und vielen anderen Ländern in den internationalen Vorbereitungsklassen an Hamburger Schulen beobachten, erleben Sie, mit welcher Begeisterung sie Deutsch lernen, wie sehr sie vorankommen und bald in die Regelklasse aufgenommen werden wollen.

Doch danach muss das Versprechen auch greifen! Empirische Studien belegen, dass der Aufstieg seit gut 20 Jahren schwerer fällt als früher. Die Bewerbung um einen Ausbildungsplatz mit einem muslimischen Vornamen und „fremdartigem“ Nachnamen wird eher zur Seite gelegt als eine andere. Unsere Leitkultur aber heißt: Integration durch Ausbildung, Schulabschluss, eventuell Studium, Arbeit und damit Aufstieg.

Hier sind allerdings wie immer beide Seiten gefragt: Arbeitgeber mit dem Willen, ohne Vorbehalte und Vorurteile Mitbürger mit Migrationshintergrund einzustellen – und Mitbürger mit Migrationshintergrund, die alles daransetzen, einen Schulabschluss zu erreichen, die Berufsschule abzuschließen, sich eventuell in einem Studium durchzubeißen, sich auf die hiesige Unternehmenskultur einzulassen, die nun einmal reich ist an Tugenden wie Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Höflichkeit. Die Bedingungen gelten für alle.

Gleiche Bedingungen aber heißt: gleiche Chancen für alle, ohne Rücksicht auf die Herkunft. Wer bereit ist, sein Bestes zu geben, muss dann an eigener Person erfahren, dass das Versprechen gilt: mehr Einsatz in Bildung = Anerkennung, Arbeit und Aufstieg. Diese Leitkultur sollte unumstritten sein. Ihre integrative Wirkung liegt klar auf der Hand.